Rolf Krüger: Tobias, die UNDspiration geht in die dritte Runde. Was für ein Gefühl hast du, wenn du daran denkst?
Tobias Faix: Das ist ja ein Fest, wo wir mit ganz vielen Leuten das Neue feiern wollen. Und das Neue ist ja manchmal auch anstrengend – Innovation ist nicht per se nur gut und einfach und schön. Auch wir bei UND Marburg haben steinige Zeiten hinter uns, nicht alles läuft immer gut. Da tut es aber gut, ein Wochenende zu haben, wo man sich neu inspirieren lässt, persönlich und als Gemeinde. Die letzten beiden Male waren jeweils 250 Leute da – evangelisch, katholisch, freikirchlich, alle Generationen. Und alle hat zusammengebracht, dass sie daran interessiert sind, Glaube und Kirche neu zu denken.
Das war sehr inspirierend, nicht nur von der Bühne, sondern bei den kleinen Begegnungen: Du stehst in der Schlange beim Essen, stellst dich vor, kommst ins Gespräch – „Was macht ihr? Nee, das habe ich ja noch nie gehört!“ – dann sitzt man zusammen, es kommen noch zwei, drei Leute dazu, man tauscht Adressen aus. Dieser Pioniergeist, diese Begegnungen, dieses „Ich bin Teil von etwas Größerem“ – darauf freue ich mich am meisten. Und alle haben im Grunde zwei Geschichten im Gepäck. Die eine: Wir leben in einer spannenden Zeit, es ist ganz viel möglich, die großen territorialen Platten verschieben sich, und dazwischen wächst Neues. Und gleichzeitig haben alle auch eine Geschichte dabei, in der man Angst hat, zwischen diesen Platten zerrieben zu werden.
Steckt dieses Gefühl auch hinter eurem diesjährigen Cover? Ich fand das erst verwirrend: Da ist von wilden Ideen die Rede, und wild ist auch alles, was im Hintergrund passiert. Aber das, was da wächst – in der Glühbirne –, ist ja total behütet.
Das ist sehr bewusst so. Es ist eine Erfahrung, die wir gerade auch selbst machen: Wir sind mit UND Marburg jetzt sechs Jahre unterwegs. Das Projekt wird reifer, wir kommen raus aus der Pionierphase, rein in die institutionelle Phase. Und das verändert etwas und das haben wir gemein mit allen Neugründungen von Gemeinden, da sind wir nicht die einzigen. Gleichzeitig mache ich ja Langzeitforschung zu den Erprobungsräumen im Rheinland von der EKiR, und begleite andere Projekte. Und mein Zwischenfazit ist: Die Schonfrist der neuen innovativen Ideen ist vorbei. Es gab eine Zeit, da wurde alles Neue bejubelt – egal ob es MUT hieß oder Fresh X oder Erprobungsräume. Es wurde sogar gerne finanziert, man hat es sich gerne ins Schaufenster gestellt. Und jetzt, nach gut zehn Jahren, ist die ganz große Frage: Wie beeinflusst dieses Neue das alte System? Öffnet sich das Alte für das Neue, und wird es eins?
Da schaue ich eher mit Sorge drauf. Ich erlebe an verschiedenen Stellen Abstoßungseffekte, so unter dem Motto: Das etablierte System schlägt zurück. Und gleichzeitig erlebe ich Projekte, die sich verselbstständigen und gar kein Interesse haben, in die Strukturen reinzugehen – man ist dankbar für das Geld, will aber eigentlich nichts fürs System tun. Deshalb kann man dieses Bild doppelt deuten: Positiv – Innovation braucht einen Schutzraum, damit sie überhaupt wachsen kann. Und negativ – sie darf nicht isoliert bleiben, sie muss irgendwann ausgepflanzt werden, rein in den Garten der Kirche. Wenn sie nicht Teil des Systems wird, bleibt sie Folklore, eine wilde Orchidee am Rand, die schön ist, aber keine Auswirkungen hat.
Wie habt ihr das für euch beantwortet, als ihr UND Marburg gegründet habt?
Wir sind bewusst als Teil des Kirchenkreises und der Landeskirche gestartet. Das Gründerteam waren 14 Leute zwischen 40 und 55 – also nicht die hippe junge Truppe, die sagt: Mit uns beginnt die Reformation 2.0. Es war viel bescheidener: Wir wollten in eine Lücke gehen, die in Marburg bisher nicht bespielt wird, und wir wollten uns einer bestehenden Kirche anschließen, weil wir nicht die 37. Kirche gründen wollten. Wir wollten missional als Kirche in der Stadt wirksam sein – deshalb Gottesdienste an einem säkularen Ort, im Lokschuppen, da, wo die Menschen sich sowieso treffen.
Und das passiert bis heute: Jeden Gottesdienst sind Leute da, die aus Versehen bei uns sind, weil sie eigentlich eine Tür weiter zum Brunchen wollten. Einmal stand ein Mann im Foyer und fragte, ob die Band Eintritt kostet. Ich sagte: „Nein, das ist ein Gottesdienst, setzen Sie sich gern dazu.“ Am Ende saß er immer noch da und ich fragte, wie ihm der Gottesdienst gefallen habe und sagte er, sehr gut, aber er würde auf gar keinen Fall in einen Gottesdienst gehen,. Dass er gerade in einem gesessen hatte, war ihm kaum beizubringen. Wir haben dann gemeinsam die Gemeinde-App runtergeladen – während seine Frau die ganze Zeit allein im Restaurant nebenan auf ihn wartete. Oder das junge Pärchen, das reinkommt, die Stehtische mit 250 Schnapsgläsern voll Traubensaft fürs Abendmahl sieht, und sie sagt zu ihm: „Guck mal, wie geil ist das denn – 11 Uhr und es gibt schon Shots.“ Es sind die kleinen Momente, wo Menschen Gott im Vorbeigehen begegnen.
Genau die wolltet ihr erreichen. Funktioniert das „UND“?
Wir müssen nach ein paar Jahren feststellen: Das haben wir uns einfacher vorgestellt. (lacht) Viele verschiedene Menschen kommen bei UND zusammen und alle haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Dieses UND steht manchmal ganz schön unter Spannung. Wir reden immer von Säkularisierung und Traditionsabbruch, aber konkret heißt das: Die Leute wissen manchmal nichts. Du kannst nicht predigen „Die Geschichte kennt ihr ja, wo Paulus zum Glauben kommt“ – nein, kennen sie nicht. Am Anfang finden es alle spannend, alles zu erklären. Aber es ermüdet auch, wenn du zum siebzehnten Mal erklärt bekommst, was Sünde ist. Da ist es gut, immer mal wieder einen frischen Blick zu bekommen und zu feiern, was gut läuft. Auch dafür ist die UNDspiration da.
Ist sie euer Schutzschild dagegen, selbst zur Institution zu werden?
Absolut. Wir sind – wie gesagt – gerade in der Phase, wo wir Dinge institutionalisieren. Wir haben stark mit Trial and Error gearbeitet, und das macht nach ein paar Jahren müde – es gibt Leute, die super gerne Sachen anfangen, aber irgendjemand muss sie weiterführen. Und die Erwartungen steigen: In den ersten Jahren, wenn die Technik gepfiffen hat oder die Folien zu spät kamen, haben alle geklatscht – macht nix. Jetzt werden Leute ärgerlich, manche sind sogar schon gegangen. Dabei lassen wir bewusst z. B. die Konfis an der Technik, lassen immer wieder neue und jüngere Leute predigen und Musik machen – dann klappt es eben mal nicht. Das ist super, das wollen wir so. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Beziehung. Aber da steht uns manchmal der Erwartungshorizont im Weg, den wir – das muss man selbstkritisch sagen – auch selbst mitgeschaffen haben.
Mit steigenden Ansprüchen steigen die Ansprüche.
Genau. Punkt. Exakt das.
Was macht die UNDspiration anders als jede beliebige Innovationskonferenz? Oder anders gefragt: Was wäre anders, wenn es Gott in der UNDspiration gar nicht gäbe – wäre das Programm, außer am Sonntagmorgen vielleicht, ein anderes?
Die Programmpunkte an sich könnten ähnlich sein, aber der Inhalt würde sich verändern. Bei uns geht es immer parallel um zwei Entwicklungen: Wie entwickelt sich mein Glaube in meinem Lebenslauf – das viel beschworene Unwort „Dekonstruktion“, das für mich ein sehr positives ist, nennen wir es lieber „Glaubensentwicklung“. Und der Aspekt: Wie entwickelt sich die Gemeinde, in der ich bin?
Viele Leute erleben, dass beides nicht synchron läuft, und manche steigen deshalb aus Gemeinde aus. Die UNDspiration ist die Chance, neu einzusteigen und ein positiveres Bild von Gemeinde zu bekommen: Gemeinde kann sich tatsächlich verändern. Außerdem ist sie ein riesiges Netzwerktreffen – davor, währenddessen und danach docken ganz viele innovative Netzwerke und progressive Glaubensformen an.
Und das ist wichtig, weil zu den kirchlichen Spannungen ja gerade riesige gesellschaftliche Verschiebungen dazukommen. Viele in meinem Kontext haben wahnsinnig Respekt vor diesem Herbst – politisch, mit den drei Landtagswahlen im Osten, einer eventuellen AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. Da kommen ganz konkrete Fragen: Wäre ich bereit zu kooperieren oder nicht? Es geht um die Verteilung von Geldern. Ich habe Studierende aus Sachsen-Anhalt, die bereiten sich auf diese Fragen vor.
Dazu kommen wirtschaftliche und biografische Fragen, unterschiedliche Lebensentwürfe, viele Beziehungen stehen unter Druck. Und ich merke, dass Leute müde werden. Wie entwickelt man eine gute Resilienz in diesen ganzen Spannungen?
Da wünschen wir uns, dass die UNDspiration auch eine gewisse Unbeschwertheit und Freude bringt: Guckt mal, da sind ganz viele, die denken über dieselben Fragen nach. Wir wollen die Fragen ernst nehmen – aber auch das Leben feiern, den Glauben feiern und die Gemeinde als unperfekten Ort feiern. Der Freitagabend wird ein Fest der Innovation: Wir arbeiten mit dem Canvas, quasi auf dem leeren Blatt Papier, und haben auch säkulare Leute dabei wie Mara Steinbrenner von LOVEDIS, die Tech-Startups mit der Industrie verbindet: Wie funktioniert das eigentlich in der säkularen Welt?
Interessant: Das Wort Resilienz habe ich auf eurer Homepage bisher nicht gefunden – das Wort Disruption dagegen schon. Ihr habt Macher:innen eingeladen, die stark für Disruption stehen. Und gleichzeitig steht eure behütete Glühbirne eher für Resilienz. Wo ist der Sweet Spot? Verträgt sich das – oder schließt es sich aus, weil das eine eher Rückzug ist und das andere Angriff?
Nein, ich glaube, es bedingt sich sogar – nur zeitlich versetzt. Disruption: Zwei Platten gehen auseinander, es kracht, es entsteht etwas Neues, ungeplant. Aber danach sind die Platten ja nicht weg, sie reiben weiter. Und da spielt Resilienz eine Rolle, als Lernprozess.
Wir nehmen deshalb bewusst beides am Freitagabend auf. Carsten Waldeck ist da, der mit seinem Bruder die fairen Shiftphones entwickelt hat: Carsten ist ein Entwickler aus Hessen, hatte die Idee vom fairen Smartphone, und alle klopfen einem auf die Schulter und sagen „ehrenhaft, aber unmöglich“. Und du hältst fest – und 10 Jahre später kann man dein Gerät im Media Markt zwischen Samsung und iPhone kaufen. Wie viel Resilienz musste dieses Team entwickeln? Das finde ich eine der spannendsten Fragen: Was können wir davon lernen?
Das ist auch mein persönlicher Lernprozess. Wir haben UND Marburg gegründet und sind vom Knall, den das ausgelöst hat, völlig überrascht und mitgerissen worden. Wir mussten manches schmerzhaft lernen: Wenn du langfristig Kirche sein willst, brauchst du zwischen den Platten so einen Sweet Spot, an dem du sicher bist. Wenn du den nicht findest, gehst du kaputt. Das gilt persönlich – wie gehst du mit Enttäuschungen um? Ich würde sagen: Gemeindegründung ist nicht nur Konfetti. Das hat mich einen Teil meines Lebens gekostet. Und die Grenze zu finden zwischen „mich schützen, resilient sein“ und „mich weiter hinterfragen lassen und verändern, obwohl ich mich doch schon so verändert habe“ – das ist die eigentliche Kunst.
Das gilt für uns als Individuen – und auch für Organisationen?
Ja. Und ich glaube, du sprichst damit den wunden Punkt der Entwicklung an. Denn jeder Mensch – und damit auch die Menschen, die eine Organisation ja abbilden – erlebt das anders. Es gibt Leute, die bilden Innovation in ihrer Persönlichkeit ab und gehen immer weiter nach vorne. Und es gibt Leute, die das irgendwann stresst: Die Geschwindigkeit ist mir zu hoch, die Opfer sind mir zu hoch, ich möchte auch mal einen sicheren Ort haben. Wir haben seit letztem Jahr ein Format namens „Gottesdienst der sanften Töne“ – für Menschen mit Impfschäden oder Post-Covid, die von Gesellschaft und Kirche völlig vergessen werden. Zweimal 30 Minuten, alles gedimmt, überall liegen Matten, und parallel gibt es etwas für die Angehörigen, die völlig ausgelaugt sind.
Das finden alle super – aber es gibt wenige, die sich dafür investieren, weil es nicht die große Bühne ist und nicht gut vermarktbar. Und trotzdem ist genau das Innovation: nicht etwas zum siebzehnten Mal in einer anderen Farbe machen, sondern wirklich das Neue. Das Neue ist manchmal eben nicht sexy.
Dazu kommt ein bisschen Anerkennungstheorie: Alle Menschen brauchen Anerkennung. Das Laute auf der Bühne holt sie sich – aber das Aufräumen hinterher, das Begleiten von Menschen sieht keiner, und die Leute brauchen genauso Anerkennung. Wie kriegt man das gut hin? Da sind wir gerade mittendrin.
Das heißt, die Antwort ist Rhythmus?
Eine Antwort ist Rhythmus. Und die Frage ist: Schaffen wir es, unterschiedliche Rhythmen gemeinsam anzuerkennen? Erkennen wir an, dass jemand in einer anderen Lebensphase oder mit einer anderen Persönlichkeit einen anderen Rhythmus braucht? Die Bedürfnisse sind ja verschieden: je nach Lebensphase, Wohnort, ob jemand vor Ort oder vor allem digital mit uns verbunden ist, wo jemand gerade in seiner Glaubensreise steht.
Bei uns bleiben die Leute, auch wenn sie unterschiedliche Lebensentwürfe haben – und das ist gut so. Aber das führt auch zu Spannungen, da muss man ehrlich sein.
Ist dieses Aushalten unterschiedlicher Rhythmen selbst schon eine Art Disruption davon, wie wir Gemeinde verstehen?
Ich glaube, das hat die Kraft dazu. Aber ich glaube auch, dass daran eine ganze Gemeinde scheitern kann. Allein die Frage, welche Rolle der Gottesdienst als Veranstaltung in der Organisation Gemeinde spielt, wird bei uns komplett unterschiedlich beantwortet: Welche inhaltliche Aufgabe hat er, welche funktionale, wie oft soll er sein?
Wir selbst haben alle zwei Wochen Gottesdienst und dazwischen Community Weekends, wo man sich in kleineren Gruppen im Projektladen trifft, eher missional. Es gibt Leute, die gehen nur in den Gottesdienst und sagen: Das Kleine brauche ich gar nicht. Es gibt Leute, die sagen: Der Gottesdienst ist mir viel zu laut und zu wild, ich gehe nur ins Kleine. Und es gibt Leute, die machen beides. Wir sagen: Entscheide du für dich. Und wir lassen das so stehen.
Das ist die Idee. Aber können das die Leute?
Das ist eben gar nicht so einfach, weil man doch schnell aufrechnet: Der Gottesdienst braucht viel mehr Aufmerksamkeit, Zeit, Geld, Ehrenamt – das Missionale läuft eher in kleineren Gruppen. Dann ist ein Ungleichgewicht da, und die Frage ist, wie man das immer wieder ausgleicht. Das sind am Ende Anerkennungsfragen.
Alles, was man mindestens dreimal macht, ist ja schon Tradition. Wisst ihr, wann es Zeit wäre, die UNDspiration wieder einzustellen?
Feste Kriterien haben wir nicht – aber wir haben uns sehr lange überlegt, ob wir überhaupt eine dritte machen. Letztes Jahr haben wir bewusst keine gemacht, weil Leute zu Recht gesagt haben: Das kostet uns Zeit, Geld, Ehrenamt – lohnt sich das? Wir haben die Frage in beide Richtungen gestellt: Brauchen wir das als UND Marburg – oder sind wir so mit uns selbst beschäftigt, dass wir es gar nicht wollen?
Und: Haben wir überhaupt etwas zu geben? Die UNDspiration ist ja entstanden, weil ganz viele gefragt haben: Wie macht ihr das – neue Organisationsform, kein Pfarrer, keine Pfarrerin, Ehrenamtliche schnell in Entscheidungen? Wir haben ja beides hinter uns, einen Erfolgsweg und einen Scheiterweg. Manche Fehler sind kontextuell und müssen selbst gemacht werden – aber manche waren handwerklich, und da kann man voneinander lernen.
Nach diesem Mal setzen wir uns wieder mit allen zusammen und fragen: Hat es uns gutgetan oder eher gekostet? Wahrscheinlich beides. Und dann entscheiden wir neu.
Danke dir für das Interview! Wir sehen uns in Marburg.
Die UNDspiration findet vom 16. bis 18. Oktober 2026 im LOKSCHUPPEN Marburg statt. Alle Infos unter und-marburg.de/undspiration