Vielgestaltig, „von Politik bis Rewe“: Unterwegs mit Jana Kontermann, Gründerin der Kiezkirche Berlin-Weißensee
Gemeinde ist wie Pizza, die Zutaten machen den Geschmack aus. Die Kiezkirche Weißensee setzt das wörtlich um, ob am Internationalen Pizzatag (17. Januar), bei einer Einweihungsfeier oder einer Halbmarathon-Party. Jeder am Tisch steuert eine Zutat bei, alle bringen sich ein. Und, wie schmeckt’s? Gemeindegründerin Jana Kontermann, die vor drei Jahren in den Ostberliner Kiez gezogen ist, findet: „Der Osten tickt anders. Christliche Prägung geht nicht so tief, dafür sind die Menschen offener für Gott.“
Experimentierfreudig
Weißensee gehört zum Berliner Bezirk Pankow, „aber hier ist noch nicht Pankow“, beschreibt sie die DNA des Viertels entlang der Berliner Allee. Weißensee teilen sich Menschen, die Jahrzehnte ihres Lebens in der DDR verbracht haben und Zugezogene. Mehrfamilienhäuser und Plattenbauten aus den 1960er und 1970er Jahren gehören genauso zur Nachbarschaft wie moderne Stadthäuser und sanierte Altbauten rund um den zentralen Antonplatz, einem Ort für Experimente. Nein: Dem Ort für Experimente in Weißensee. Und Jana Kontermann ist experimentierfreudig. „Ressourcen teilen und Netzwerke leben, das sind genau meine Themen.“ So tickt auch die Zielgruppe, die zum Pizzaabend oder dem Gesprächskreis „Frei raus“ ins Stadtteilzentrum kommt, denn noch ist die Kiezkirche ohne eigene Räume. Das sei kein Nachteil, findet die Gründerin, Kirche zeige Lernbereitschaft, wo Lebensgeschichten vorkommen. „Da ist von Politik bis Rewe alles dabei.“ Menschen, die im Bundestag ihre Brötchen verdienten, genauso wie an der Supermarktkasse.
Der Osten tickt anders. Christliche Prägung geht nicht so tief, dafür sind die Menschen offener für Gott.
Die Gemeinde ist eine Ausgründung der Jungen Kirche Berlin-Treptow, wo Jana Kontermann zuvor beschäftigt war. Seit zehn Jahren ist sie Wahl-Berlinerin, kommt ursprünglich aus Stuttgart. In Bad Liebenzell und Leipzig hat sie Theologie und soziale Arbeit im interkulturellen Kontext studiert. In Treptow war sie mit jeweils halber Stelle Jugendreferentin eines kommunalen Jugendtreffs und Jugendpastorin. Bis JKB-Gemeindeleiter Dirk Farr ihr Potential aufrief, Gemeinde zu gründen: „Jana war von Anfang an experimentierfreudig, vernetzt und zugleich geistlich verankert. Wertvolle Voraussetzungen, um eine Gemeinde im Osten Berlins zu gründen.“
Heilige Unruhe
Nachdem sich die erste Verblüffung gelegt hatte, merkte die junge Frau: „Es stimmte. Ich habe diese heilige Unruhe. Ich wäre aber nicht von selbst draufgekommen.“ Sie packte die Koffer im Bewusstsein, „dem Stadtteil Gutes zu tun“. Aktuell zählt ihr Team sechs Personen, die – wie bei der Pizza – ihre Stärken drauflegen. Welche Pizza und wieviel davon dem Kiez Appetit macht, hat die Gemeinde mit einer Kontextanalyse in Erfahrung gebracht. Ergebnis: Der ehemalige Osten will genauso mittun wie der neo-ökologische Zeitgeist; und Christen finden sich in allen Gruppen. Jana klopfte deshalb an die Türen bestehender kirchlicher Strukturen. Dass ihre Gemeinde und ihre Stelle von der Liebenzeller Mission getragen und von der Berliner Stadtmission co-finanziert werden, brachte ihr geneigte Zuhörende ein. „Die Stadtmission war ein Verstärker. Ich habe trotzdem auch Reaktionen erlebt, die fürchteten: Sie nimmt uns unsere Schäfchen weg.“
Jana Kontermann
Begleitet wurde ihr Vorhaben von einem Coach im so genannten M4Europe-Prozess, einem Ansatz aus Norwegen, der Gemeindenetzwerke als Learning Communities auffasst und umsetzt. Eine Bereicherung. „Es half mir enorm immer wieder zu hören, dass wir zuerst in Gott gegründet sind, dann als Gemeinde, und dass Gründer zwar Allrounder sein müssen, trotzdem aber nicht alleine unterwegs sind. Es ist unschätzbar wertvoll, wenn man sich jemandem mitteilen kann.“ Als christliche Gründerin ist Jana rein rechnerisch eine von drei Frauen, denen 97 männliche Gemeindegründer entgegenstehen. Soweit die Statistik. „Drei Prozent Frauen ist wenig. Das Idealbild einer Gemeindegründung heißt eben noch: durch einen Mann.“
Mut zu Fehlern
In der Kiezkirche hat sich das Narrativ des christlichen Start-Ups etabliert. Es nimmt Druck raus und funktioniert auch für Menschen, die kirchenfern stehen. Die werden mitgebracht, durch Aushänge oder Flyer auf die Angebote aufmerksam. Durststrecken, persönlichen wie gemeindlichen, begegnet das Team der Kiezkirche resilient: Überforderung wird besprochen, Fehler werden barmherzig losgelassen als „Fail of the week“, dem Scheitern der Woche. „Darüber zu sprechen, macht Fehler nicht nur leichter, es reduziert sie“, hat die Pastorin bemerkt. Gutes und Gescheitertes gleichermaßen anzusprechen, ist für sie zum Ritual von Gemeindegründung geworden, mit dem Team und alleine, im Gebet. „Gebet ist in jeder Phase des Gründens wichtig.“
E-mail: hallo@kiezkircheweisensee.de
Dieser Artikel erschien zuerst beim Basecamp-Magazin.