Janina, wie geht es Kirche Kunterbunt gerade als Bewegung?
Ich würde sagen: Kirche Kunterbunt hat endlich einen anhaltenden Frühling. Und das ist wirklich verrückt, weil er seit 2019 nicht aufhört. Damals war das eine kleine Idee von Reinhold Krebs, bei der man gar nicht wusste: Ist das ein Bäumchen, das in die Höhe wächst, oder doch nur ein kleines Pflänzchen?
Dass daraus so ein großer Baum wird, ist nach wie vor überwältigend. Wir haben jede Woche zwei, drei, manchmal vier Neugründungen. Jede Woche! So oft öffne ich mein Postfach und denke: Wo kommt ihr denn jetzt schon wieder her? Selbst in der Corona-Zeit hat das nicht aufgehört.
Wir haben inzwischen über 50 hauptamtliche Ansprechpersonen, die in Bistümern, Werken, Verbänden und Landeskirchen sitzen – mit echten Stellenanteilen in ihrem Dienstauftrag. Das ist wirklich zum Staunen.
Und trotzdem macht ihr euch Gedanken über die Zukunft?
Im Frühling weiß man, dass man Vorräte für den Winter sammeln muss. Und diese Vorräte – was die Finanzen angeht – sind nach wie vor spannend. Das liegt daran, dass Kirche Kunterbunt (noch) keine Tradition in dieser Kirche hat. Wir sind nicht in den Kirchensteuern eingeplant, und wir passen auch nicht in die klassischen Geldtöpfe. Wir sind ja nicht nur Kinderarbeit, nicht nur Familienarbeit, nicht nur Bildung – wir sind ganz viel auf einmal. Unsere Ansprechpersonen kommen aus der Arbeit mit Kindern, aus der Gemeindeentwicklung, aus der Katechese. Es gibt nicht das eine, wo man sagt: Daher kommt das Geld für Kirche Kunterbunt.
Die Wahrheit ist: wir sind spendenfinanziert. Und für die hohe Spendenbereitschaft sind wir unglaublich dankbar. Aber Spenden sind keine langfristige Alleinlösung, kein Automatismus. Das merken wir gerade strukturell. Nach außen sieht man eben nur den Frühling – und deshalb registrieren manche gar nicht, wie es tatsächlich um Kirche Kunterbunt steht.
Kirche Kunterbunt ist eine Bewegung in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und trotzdem war sie bisher im EJW angesiedelt. Wie kam es dazu?
Das EJW hat aus Solidarität und Verbundenheit mit Reinhold Krebs, der dort angestellt war, die Trägerschaft übernommen. Aber das EJW ist erstens evangelisch und zweitens württembergisch – und kann damit eine Bewegung, die für den gesamten deutschsprachigen Raum und für die Ökumene steht, eigentlich gar nicht abbilden.
Wichtig ist mir: Die Finanzierung kam nie aus dem EJW selbst. Es waren Stiftungen, Sponsoren und Spender, die dem EJW zweckgebunden Geld gegeben haben, worüber dann Menschen angestellt werden konnten. Das EJW hat noch etwas draufgelegt und uns mit viel Backoffice unterstützt – und war dabei immer demütig. Sie haben sich Kirche Kunterbunt nie auf die Fahne geschrieben. Das rechne ich ihnen hoch an.
Man könnte sagen: Das EJW war die Hebamme – und jetzt müsst ihr flügge werden?
Schöne Formulierung – ja, so kann man das sagen. Und trotzdem bleibt uns das EJW verbunden. Auch in diesem Zukunftsprozess lassen sie uns nicht allein. Es wird auch für den neuen Verein weiterhin ein Backoffice brauchen, und da wird das EJW bestimmt eine Rolle spielen. Sie hätten ja auch anders reagieren und sagen können: Wir wollen, dass das alles bei uns bleibt, dann können wir uns damit schmücken. Genau das haben sie nicht gemacht. Sie haben gesagt: Was hier gewachsen ist, ist größer als wir – das braucht eine eigene Struktur.
Erzähl uns von diesem Zukunftsprozess.
Vor etwa anderthalb Jahren ging es konkret los. Wir haben gemerkt: Die Gegenwart ist schön, wir könnten gerne darin verweilen – aber es könnte ein Winter kommen, und darauf müssen wir uns vorbereiten. Wir haben ein Team aus Expertinnen und Experten zusammengestellt, die Wertestarter haben uns moderierend begleitet. Dabei ging es um zwei Ebenen: Kirche Kunterbunt braucht erstens eine neue organisationale Struktur – das ist jetzt die Vereinsgründung. Und zweitens eine langfristige Lösung bei der Finanzierung.
Wie sieht diese Finanzierungslösung aus?
Wir führen ein Solidaritätsmodell ein. Mittlerweile sind über 480 lokale Initiativen eingetragen, und die laden wir ein: Wenn ihr könnt, solidarisiert euch doch mit der großen Bewegung. Wir liefern den Initiativen ja viel aus der Zentrale: redaktionelle Arbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Flyer- und Präsentationsvorlagen, Musikplaylists, sie dürfen das Logo kostenfrei nutzen und profitieren von der Marke. Jetzt fragen wir: Vielleicht ist es euch möglich, einmal im Jahr etwas an die Bewegung zurückzugeben.
Wichtig ist: Das ist kein Lizenzmodell. Ganz nach dem Motto „Das Reich Gottes ist für alle da“ bleibt Kirche Kunterbunt frei – es kommen keine Bezahlschranken. Wir kommunizieren nur ehrlich, dass wir Finanzierungshilfen brauchen. Und es gibt sogar ein Testjahr, in dem Initiativen erst einmal schauen können, wie sich Kirche Kunterbunt bei ihnen etabliert.
Was ist mit Initiativen, die schlicht kein Geld haben?
Genau dafür entwickeln wir Patenschaftsmodelle. Wir wollen auf keinen Fall, dass die ehrenamtliche Person, die jede Woche ihre Klappkisten zur Kirche Kunterbunt schleppt, jetzt auch noch denkt: Toll, und nun muss ich dafür zahlen. Vielmehr wünschen wir uns, dass Landeskirchen, Bistümer und Werke in die Verantwortung gehen und ihre Initiativen unterstützen. Manche überlegen schon, den Ermöglichungsbeitrag für alle Initiativen ihrer Region zu übernehmen. Das wird nicht überall möglich sein – die Kirchen leiden unter immensem Spardruck. Aber für mich ist das eine Botschaft, die über uns hinausreicht: Wir sind nicht nur ein kleiner Ort, sondern eine große Familie. Wie schön, wenn wir uns in dieser Verbundenheit wiederfinden.
Heute habt ihr nun den Verein gegründet. Müssen Initiativen jetzt Mitglied werden?
Nein – das ist mir wirklich wichtig. Der Verein ist eine reine Trägerstruktur. Die Initiativen werden nicht Mitglied, für sie ändert sich strukturell nichts. Alle Kommunikationswege bleiben erhalten. Das Strategieteam, das Kirche Kunterbunt inhaltlich begleitet, bleibt bestehen. Wir haben zwar einen gewählten Vereinsvorstand, aber der übernimmt nicht die inhaltliche Arbeit. Auch die Ansprechpersonen bleiben.
Es geht vor allem darum, die ökumenische Weite überhaupt organisational abzubilden. Vor Ort ändert sich nichts: Die Engagierten haben keine Mehrbelastung und die kleine Emma, die dort zu Kirche Kunterbunt geht, soll einfach fröhlich weiter Glitzerstaubsegen erleben. Genau darum geht es ja.
Wie dringlich ist die Lage – steht ihr vor dem Aus?
Nein, vor dem Aus stehen wir nicht, weil das EJW richtig gut gewirtschaftet hat. Aber prekär ist es trotzdem: Wir bräuchten viel mehr Stellenanteile im nationalen Team, und es ist noch unklar, wie das Geld dafür gerade in der Übergangsphase zusammenkommt. Es werden bereits Stellenfinanzierungen auslaufen, während die neuen Strukturen parallel beginnen, Früchte zu tragen.
Deshalb ist die Botschaft klar: Der Verein ist die Zukunft. Darauf wird jetzt alles gebaut. Es braucht weiterhin Spenden von Einzelpersonen – die dürfen nicht aufhören, gerade im Moment. Übrigens: Auch bei Messy Church in England, wo wir herkommen, laufen gerade ganz ähnliche Prozesse.
Was bedeutet das für Menschen, die bisher gespendet haben?
Es gibt aktuell einen Freundeskreis, über den Spenden gesammelt werden, und der wird in den Verein überführt. Darum kümmern wir uns – das müssen die Menschen nicht selbst auf dem Schirm haben, wir informieren sie. Unter kirche-kunterbunt.de/verein gibt es alle Infos & Spendenmöglichkeiten.
Und ausdrücklich: Auch wer selbst gar keine eigene Kirche Kunterbunt hat, darf gerne spenden. Ich weiß von einem Spender, der sagt, er erlebe bei uns einfach Hoffnung – und deshalb gibt er, obwohl er sonst mit Kirche wenig zu tun hat. Auch davon wird dieser Verein getragen werden.
Herzlichen Dank, Janina!
Die Fragen stellte Rolf Krüger.