Nicht alle Millennials sind kirchenfern – trotzdem bleiben sie außen vor. Die so bezeichnete Generation junger Erwachsener zwischen Ende 20 und 40 Jahren findet in gemeindlichen Angeboten wenig Anschluss. Als Eltern von Kindern im Kita- und Grundschulalter vielleicht, doch hier wird sie anders angesprochen. Als Gruppe von Christinnen und Christen, die beruflich gerade Fuß gefasst hat und im Erwachsenenleben ankommt, wird die Generation vermisst. Und umgekehrt?
Heimat für junge Erwachsene

Die Learnings der Pastorinnen führen weg von der parochiezentrierten Kirche
„Licht & Beton“ startete im Herbst 2025 als Vision kirchlichen Entdeckertums in der Stadt, das ausstrahlt. Der Name kommt geländegängig daher, denn einen festen Ort hat das Projekt nicht. Veranstaltungen verteilten sich über ganz Hannover. Auf der Haben-Seite stehen bislang fünf Termine, zwei spirituelle Stadtteilspaziergänge, die Lebenszäsuren unter dem Titel „Loslassen“ und „Neu anfangen“ aufgriffen, ein Treffen auf dem Weihnachtsmarkt sowie zwei Termine der DIY-Reihe „Stay Creative“. Eine eigene Webseite hat das Projekt noch nicht. „Wir wollten überhaupt mal etwas auf die Straße bringen“, erklärt Emilie Tille und ordnet den Prozess ein: „Während der ersten Monate haben wir überwiegend konzeptionell gearbeitet.“ Linda feilte an den Inhalten, Emelie übernahm deren Qualifizierung und blickte dabei, wie sie ergänzt, auf das Vorbild der Munich Church Refresh-Bewegung. Jan-Philips Part bestand in der Dokumentation und Bewerbung der Veranstaltungen. Zum Einstieg wählte das Team überwiegend persönliche Kontakte, lud eigene Netzwerke hinzu, kirchliche und außerkirchliche. Nach und nach trugen die Teilnehmenden „Licht & Beton“ weiter. Linda Schmols wünscht sich, „dass möglichst jede und jeder jemanden mitbringt. Und dass sich Menschen einladen lassen.“
Kirche ohne feste Räume
Als kirchliches Quartiersmanagement wollen die beiden Frauen ihre Arbeit nicht verstanden wissen. Sie betonen den theologisch-diakonischen Kern jedes Angebots „als Kirche ohne Gebäude, weil das vermutlich die Form ist, die sie in Zukunft hat. So bekommen wir eine Idee davon, wie wir künftig im System Kirche arbeiten.“ Gabenorientiert. Millennial-made.
I:MA-Referent Torsten Pappert sieht darin großes Potential, (zu-)hörende Kirche in einem urbanen Milieu zu sein: „Licht & Beton“ lebe von einer radikal erprobenden Haltung, „die auf tiefe Gemeinschaft zielt, ohne zu vereinnahmen oder in einer Struktur binden zu wollen. Konsequenterweise verbindet sich damit die Suche nach neuen Rollenbeschreibungen für Pfarrpersonen jenseits eines lange funktionierenden, aber brüchig gewordenen pastoralen Amtsverständnisses.“
Die Learnings der Pastorinnen führen weg von der parochiezentrierten Kirche. Stattdessen wird deutlich, wie wichtig es ist, vernetzt zu sein: Wo kommen Christinnen und Christen in Hannover (noch) vor? Dass das Projekt nirgends Kerngemeinde abzieht, ist sein Vorteil. Doch ist die strukturelle Offenheit des Systems Kirche ausbaufähig: Von Personen der kirchlichen Leitungsebene, die wohlwollend auf das „Licht & Beton“ blicken, hörten die jungen Frauen am Ende des Tages doch: „Ich finde das cool, aber mir sind die Hände gebunden.“
In den Veranstaltungen zeigen sich Linda Schmols und Emelie Tille erkennbar als Pastorinnen. Ein theologisches Label vergeben sie nicht, Emelie meint jedoch: „Fast alles ist theologisch oder kann so gedeutet werden.“ Ausgangspunkt sind die Lebensbezüge der Teilnehmenden – und ihre eigenen. Dass der erste Stadtteilspaziergang den Titel „Loslassen“ bekam, ergab sich aus Lindas persönlicher Situation und dem von ihr bereits angesprochenen Safe Space, den sie suchte: „Ich musste mir die Frage stellen: Wie lasse ich eine Situation los, die ich gar nicht loslassen will? Das Thema räsonierte in mir.“ Soundtrack des Ganzen wurde – Zufall oder Fügung – Junimond, ein Stück von Rio Reiser, das ihre Playlist beim Radfahren abspielte. „Das war wie ein Repost.“
Den Glauben praktisch leben
Dass die persönliche Dimension vor einer biblischen Verortung kommt, macht „Licht & Beton“ nahbar und Glaubenserfahrung praktisch erlebbar. Eine Teilnehmerin äußerte, „sie hätte Lust, bei einem nächsten Mal richtig in der Bibel zu lesen“, erzählt Emelie. Das hat sie aufgenommen. „Eine solche Veranstaltung vorzubereiten, kann ich mir gut vorstellen.“
Dieser Artikel erschien zuerst beim Basecamp-Magazin.
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