Kirche zum Blühen bringen

29. April

Gartenprojekt in Singen fördert Nachbarschaft

Eigentlich war ein Café geplant. Ein Ort, an dem Leute zusammenkommen, sich entspannen können, genießen dürfen, mit anderen reden, lachen, feiern. Und die Idee von Stefanie Hasenbrink fand auch direkt Anklang und begeisterte Mitstreiter:innen. Doch dann kam alles ganz anders:

Vom Café zum Garten

Die Idee mit dem Café zerschlug sich, der Wunsch aber, in der Nachbarschaft dienend unterwegs zu sein und einen Ort für Begegnungen zu schaffen, blieb. Der Pfarrer der zugehörigen Gemeinde eröffnete dann eine völlig neue Möglichkeit: Vor der Kirche stünde ein Areal zur Verfügung, das sich gut als Gemeinschaftsgarten anlegen ließe. Gleiche Nachbarschaft, gleicher Block, fünfzig Meter weiter als der eigentlich geplante Café-Standort. Also los!

Inzwischen hat sich ein gemeindeinternes festes Team gebildet, das seit eineinhalb Jahren die Fläche vor der Kirche in einen Permakulturgarten verwandelt. „Mit dem Aufblühen und Wachsen der Natur wächst auch die Aufmerksamkeit der Passanten – und auch unsere Gruppe“, freut sich Stefanie Hasenbrink. Seit Anfang des Jahres sind zwei neue Gärtner:innen mit dabei. Eine Religionspädagogin, die nicht mehr in die Kirche geht und ein junger Alevit aus der Türkei. Sie alle harken, buddeln, rechen, säen, gießen und zupfen fleißig – primär am Donnerstag, dem festen Gartentag der Gemeinde. Aber auch am Samstag und anderen Wochentagen sind immer wieder Menschen anzutreffen. Wenn die Truppe gerade mal nicht gärtnert, genießen sie ihre ausgedehnten Pausen bei Suppe und einem langen Schwatz. Und auch die eher genießenden und weniger gärtnernden Gemeindemitglieder schätzen ihr kleines grünes Paradies. Am Karfreitag fand dort zur Todesstunde Jesu ein stilles Gedenken statt. Auch Andachten, Gruppenstunden oder Seelsorgegespräche sollen dort stattfinden können.

Stefanie Hasenbrink im Garten “Paradieschen”. Jeden Donnerstag zwischen 11 und 17 Uhr sowie samstags ab 11 Uhr wird gegärtnert – und jede:r ist herzlich eingeladen zu kommen.

Ein Paradieschen in der Stadt

Der kleine Pfarrgarten, Paradieschen genannt, wächst nicht nur innerhalb seiner Grenzen – mittlerweile ist er in der Kleinstadt gut bekannt. Im letzten Jahr wurde er Teil der Initiative Stadtgrün Singen, an der sich rund 20 Menschen, darunter ein Architekt, der Stadtrat, die Vorsitzende des Stadtpark-Fördervereins sowie Privatleute, beteiligen. Ihr Anliegen ist es, in der 45.000-Einwohner-Stadt ein starkes, grünes Netzwerk zu sein, das Nachhaltigkeit und eine lebenswerte Umgebung unaufdringlich, aber doch unübersehbar in den Vordergrund rückt. Gemeinsam wollen sie die Menschen in dem Ort für Umweltschutz sensibilisieren und zum Beispiel gegen Schottergärten vorgehen.

Nicht zuletzt deshalb sieht Stefanie Hasenbrink das Paradieschen auch als eine fx an. Am Anfang stand für sie das Hören und Wahrnehmen auf das, was Gott schon tut und wo sie mitbauen können. Auch der Gedanke des Dienens war den Gründungsmitglieder:innen immanent. „Aber auch meine Ausbildung zur Pionierin für fresh expressions of church, der Pfarrer der Gemeinde, der keine Angst vor Fresh x hat, sondern sich im Gegenteil eingelesen hat und uns ganz aktiv unterstützt, der Platz, den uns die Gemeinde überlassen hat, ohne Vorgaben – ein wahrer Erprobungsraum, eine Spielwiese und Experimentierfeld sowie die Zeit, die wir uns selbst zugestehen, weil ein Garten, Ideen und Beziehungen eben Zeit brauchen, sind vier wichtige Komponenten, die für uns entscheidend als eine fx-Initiative waren und sind“, erklärt Stefanie Hasenbrink.

Lebendig und essbar – das ist nicht nur Motto des Paradieschens, sondern auch Wunsch für die Nachbarschaft und die Stadt Singen. Gemeinsam leben, gemeinsam essen, gemeinsam gärtnern, gemeinsam feiern, gemeinsam glauben, gemeinsam genießen.

Gemeinsam für alle

Eine Nachbarschaft, die (er)lebbar und essbar wird – das war und ist auch heute noch der Wunsch der Gartenfreunde. Sie wollen mit dem Paradieschen ein Beispiel für lebendige Gärten und grüne Oasen schaffen, die Temperaturen, die Luft und die Artenvielfalt in der Stadt verbessern. Deshalb achten sie bewusst auf Pflanzen und Anbaumethoden, die diese Ziele fördern. Und deshalb bleiben sie nicht auf dem Kirchengelände, sondern gehen hinein in die Stadt, engagieren sich in der Initiative Stadtgrün und in der Nachbarschaft vor Ort. Außerdem laden sie zum Mitmachen ein: „Die Menschen der Nachbarschaft dürfen das Paradieschen genießen und sich begegnen. Sie dürfen hier gärtnern – im gemeinsamen Bereich für alle und in kleinen Privatbeeten allein. Selbst wenn sie nicht gärtnert, sind sie willkommen und dürfen sich hier aufhalten. Wir wollen den Menschen hier die Schönheit und den Segen Gottes zeigen und feiern“, erklärt Stefanie Hasenbrink. Wie genau sie das jedoch umsetzen können, ohne dass „die Gemeindeidee immer aufgesetzt hinterher statt gleichzeitig“ transportiert wird, ist noch ein Feld, auf dem sich Stefanie auf die „Suche und das Hören auf Gott“ konzentriert.

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk