Reden ohne Worte?

01. Juni

Und wann erzählt ihr den Menschen von Jesus?

Besonders für Leute aus frommen Strukturen ist das beinah die wichtigste Frage, wenn ich vom missionalen Auftrag der beymeister erzähle. Missional heißt, dass die beymeister vor allem mit Menschen in Beziehung treten, die bisherigen kirchlichen Anbahnungsversuchen standgehalten haben. Manche ganz entschieden, weil sie in einer gewaltigen klerikalen Beziehungskrise stecken, andere eher zufällig, weil kirchliche Ausdrucksformen bisher keinen Anreiz geboten haben, Witterung aufzunehmen.

Gemeinsam an Sehnsuchtsorten

Für die beymeister bedeutet missionales Arbeiten konkret, dass sie mit den Menschen an ihren Sehnsuchtsorten connecten. Da, wo sie ihre Zeit verbringen, Freund:innen treffen, Leben teilen, Feierabend zelebrieren, Longboard fahren, Musik machen, Krisen diskutieren, zu Abend essen. Also mitten in der Welt. Und in den Sprachen, die diese Orte sprechen. Mit Kölsch und selbstgedrehten Zigaretten, mit Yogamatte und Meditation, mit Musik, die politisch ist und Nächten, die länger sind als Tage. Die Menschen haben diesen Orten Liturgien geschenkt. Und die wollen wir mit ihnen feiern.

Ganz Welt, ganz Kirche

Wenn die Leute fragen: ‚Und wann erzählt ihr den Menschen von Jesus?‘ Dann geht das für sie offenbar nicht zusammen: Dieses ganz-in-der-Welt-sein und trotzdem dabei ganz-Kirche-sein. Und noch viel weniger die Idee, dass in dieser Überschneidung Beziehungen entstehen, die den großen Fragen und dem schönen Leben gleichermaßen Raum geben. Offenbar wird da eine intuitive Skepsis laut, dass aus den Beziehungen, die im weltlichen Raum entstehen, keine Sehnsucht für das Heilige wachsen kann. Dass das Evangelium die Menschen entweder in die Flucht schlägt oder zu gering dosiert ist, um dem Anspruch einer christlichen Gemeinschaft gerecht zu werden.

Mutiges Christsein in Wort und Tat?

‚Wann erzählt ihr den Menschen von Jesus?‘. Ich höre da: ‚Wann lasst ihr die Katze aus dem Sack? Wann traut ihr euch zu sagen, dass ihr Christ*innen seid? Wann wird sichtbar, dass die Kirche dahintersteckt?‘ Und manchmal auch: ‚Wann werden die Menschen vom Heiligen ergriffen? Wann entscheiden sie sich für Christus? ‘

Ich weiß auf all das keine Antwort. Weil ich das nicht voneinander trennen kann. Mein in-der-Welt-sein und mein Christin-sein. Weil ich all mein Handeln, Beten, Dienen, Hören aus Liebe für die Menschen tue. Weil Jesus mir dabei Vorbild war. Und Maria und Noa und Rut. Weil ich Beziehungen stiften will nach ihrem Vorbild. Weil ich daran glaube, dass die Welt und die Menschen kein Zufall sind, sondern gewollt und geliebt und zum Guten bestimmt. So wie die alten Geschichten es mir erzählen. Die Menschen im Veedel wissen das. Von Anfang an. Und wenn’s gut läuft spüren sie’s auch. Dass die beymeister getragen sind von einer Kraft, die niemand schaffen kann. Manchmal fragen sie danach. Irgendwann. Manchmal nicht. Und beides ist okay. Weil es nicht ums Kriegen geht. Sondern ums Tun. Aus Liebe.

Janneke Botta

Pfarrerin