vorLAUT von einer neuen Kirche träumen

22. Juni

10 Thesen, warum Kirche raus aus der Bubble muss

  1. Damit Menschen Dächer für ihre Seelen finden. Dieser Satz von Juliane Gayk ist eine mögliche Antwort auf die Frage, wozu es eigentlich Kirche braucht. Sie bringt in den Menschen etwas zum Schwingen und enthält viel vom Evangelium. Denn dieses muss wieder neu spür- und erlebbar werden. Wir alle sehnen uns nach Geborgenheit, dem Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Haben Seelen, die in die Freiheit geführt werden und sich entfalten wollen. Wir Menschen brauchen das Gefühl von Gemeinschaft und dem darin enthaltenen Korrektiv. Wenn wir das gefunden und unsere Seelen Dächer bekommen haben, kann sich das Potenzial entfalten, dass Gott in uns angelegt hat und womit wir die Welt bereichern können.
  2. Weil es keine One size fits all Antwort(en) (mehr) gibt. Ob die erste und die weiteren Thesen stimmen entscheidet jede:r für sich. Und genau so, wie man nicht (mehr) sagen kann, dass diese oder jene Antworten für alle Menschen passen, so passt auch Kirche in den gängigen Formen (Sonntagsgottesdienst um 10:00 mit ähnlichem Ablauf und ähnlicher Liturgie) aufgrund der Ausdifferenzierung der Gesellschaft und der Milieustrukturen nicht mehr für alle. Tatsächlich erlebt man in vielen Kirchen stattdessen eine Milieuverengung. Dabei bräuchte es Kirche in vielfältiger Gestalt. Es ist Zeit, sich die Frage zu stellen: Wo würde Jesus abhängen? Und wär das was, was ich mit Kirche verbinde?
  3. Weil wir die vermeintlichen Antworten aktiv verlernen müssen. Kirchengestaltende müssen raus aus der Bubble, müssen das Normative hinterfragen, ja verlernen und erleben, wem Menschen außerhalb der Kirche eigentlich Deutungshoheit zuschreiben.
  4. Weil Kirche Teil von Gottes Sendung ist. Kirche hat keinen Selbstzweck, ist nach dem theologischen Verständnis der fresh expression of church, Teil der Missio Dei. Kirche ist zu gleichen Teilen Ergebnis als auch Co-Kreateurin der Sendung Gottes. Diese Spannung muss ausgehalten und neu gestaltet werden.
  5. Weil Selbstentäußerung jesuanische DNA ist. Jesus hat sich immer wieder selbst entäußert; wie sähe also entsprechend eine Kirche aus, die in der Nachfolge Christi steht? Sie führt auf jeden Fall raus aus der Bubble …
  6. Damit wir immer wieder neu ausformulieren müssen, was uns im Inneren antreibt und am christlichen Glauben relevant ist. Nadia Bolz-Weber spitzte einst in einem Vortrag den Missionsauftrag folgendermaßen zu: Eigentlich wurde er besonders für die Christ:innen formuliert. Denn das Problem ist, dass wir uns, sobald wir nicht mehr anderen von unserem Glauben, von unseren Überzeugungen erzählen, wenn wir nicht mehr in echtem Austausch mit Suchenden sind und uns selbst nicht mehr hinterfragen, beginnen wir uns nach kurzer Zeit, über die Farbe des Teppichs im Gemeindehaus zu streiten. Also allein schon um unserer Selbst willen, sollten wir neue Wege, neue Begegnungen mit Menschen außerhalb der Kirche suchen.
  7. Weil Gottes Geist aus der Komfortzone lockt. In der Nachfolge zu leben, bedeutet in der Unsicherheit zu leben. Dabei geht es nicht darum, so zu leben, dass die Unsicherheit einem den Boden unter den Füßen wegreißt und in den Burnout führt. Sondern es sich mit seinen Überzeugungen und Traditionen nicht ZU gemütlich zu machen. Kirche ist an vielen Stellen zu bequem geworden und sollte sich mal wieder aufmachen, selbst irgendwo Gast zu sein.
  8. Weil das Volk Gottes noch immer zum Wandern berufen ist. Wir sind ein wanderndes Gottesvolk, eine Erzählgemeinschaft von Erlebnissen, die man miteinander teilt. Immer in Bewegung, immer unterwegs, Schritt für Schritt den Weg der Nachfolge entlang. “Wir haben hier keine bleibende Stadt”, diese Worte aus Hebräer 13,14 erinnert uns daran, dass Kirche zu oft aufs Bleiben ausgerichtet ist. Wir alle sollten wieder mehr die Haltung und Gabe des Wanderns einüben und offen sein für alles, was da kommt.
  9. Weil Gott mitten in der Welt ist. Gott ist jemand, der Dinge außerhalb der Kirchenmauern tut, ein Gott, der mitten unter uns, mitten in der Welt ist. Jenseits aller Erwartungen. Was passiert, wenn “da draußen” schon Schönes im Namen Gottes passiert – ohne, dass wir es merken oder Gott selbst zuschreiben? Raus aus der Bubble heißt dabei auch, die Augen offen zu halten, sich umzuschauen und Gottes Welt achtsam zu begegnen.
  10. Damit wir wieder neu tanzen lernen. Tanzen ist in diesem Fall ein Synonym für Freiheit und ein Gefühl der Gemeinschaft. Warum erleben wir das so viel häufiger bei Konzerten, bei Abenden in der Kneipe oder beim Yoga und so selten in der Kirche? Was braucht Kirche, dass wir uns auch dort so geben und fühlen können, wie an anderen Orten?

Diese Thesen stellte Katharina Haubold im Rahmen des Impulsabends #vorlauterträumen für Theologiestudierende und Interessierte im Juni 2022 vor.

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk