Nur eine Prise

30. Juli

Mein Bruder und ich sind ein gutes Beispiel dafür, wie Menschen trotz gleicher Grundinteressen verschiedene Prioritäten setzen. Wir haben uns als Grundschüler selbst Programmieren beigebracht: Ich wollte einen Pokémon-Klon bauen, er Sortieralgorithmen. Seit der Mittelstufe nutzten wir beide das Betriebssystem Linux. Er natürlich eine Distribution-Version, wo man alles selbst konfigurieren und -kompilieren kann, ich eine, die ready-to-use war. Er blieb Programmierer, ich eher so Designer. Und letztens haben wir uns getroffen und uns über das Kochen unterhalten.

Du kannst es dir vielleicht vorstellen: Er ist Team „Rezept“, ich eher so Team „Freestyle“. Während Kochbücher für mich vor allem ein grober Plan sind, für das, was man machen könnte, sind für ihn Rezepte wie Zauberformeln, denen man 1: 1 folgen muss, um das perfekte Essen zu erhalten. Es wundert also nicht, dass ihn vor allem eine Mengenangabe stört: Eine Prise Salz.

Was soll das auch sein, eine Priese? Weniger, gleichviel oder mehr als eine Messerspitze? So viel wie zwischen zwei Finger passt oder doch eher in die Handfläche? Ich gebe ihm recht: Ein Priese, ist eine wirklich sehr ungenaue Mengenangaben und weit entfernt von der Präzision der SI-Einheiten (Internationales Einheitensystem). Und das bei Salz, wo zu wenig scheinbar keinen Effekt hat und zu viel das ganze Essen zerstören kann.

Für meinen Bruder würden sich Rezepte deutlich verbessern, wenn dort nicht Prise, sondern die genaue Grammzahl stünde. Gut, präzise und immer gleich reproduzierbar. Dabei vergisst er aber, dass die Beurteilung „lecker“ nicht nur von der Salzmenge, sondern vom persönlichen Geschmack des Essenden abhängt. Jede genaue Handlungsanweisung muss eben an den Kontext und die Situation angepasst werden. Erst dann kann es optimal werden.

Es überrascht dich sicherlich nicht, dass für meinen Bruder auch diese Aussage zu ungenau ist. Wir haben uns einfach darauf geeinigt, dass wir nicht zusammen kochen. Und wie ich es machen würde, wenn ich selbst mal ein Kochbuch schreiben würde? Ich würde bei der Prise Salz bleiben, weil sie bei aller Sicherheit, die das Rezept gibt, immer wieder verdeutlicht: Am Ende triffst du eine persönliche Entscheidung aufgrund deiner (Koch-)Erfahrungen. Und alle Genauigkeit bringt letztendlich sowieso nichts, wenn es nicht schmeckt.

Tobias Sauer

Katholischer Theologe, Designer, Referent, Kommunikationsberater und Initiator von ruach.jetzt