Pionier:in sein beginnt oft mit einer Sehnsucht, dass die Wirklichkeit – kirchlich, gesellschaftlich – anders ist: gerechter, verbundener, lebenswert.
Für mich war es auch eine Unruhe, dass meine kirchlichen Kontexte manchmal wie eine Blase sind, die nicht so richtig verbunden sind mit dem, was drumherum ist.
Das wünschen sich ja viele Menschen in der Kirche: eine große Gemeinschaft zu sein, Begegnung, die macht, dass man sich lebendig fühlt. Ich habe gemerkt, ich weiß eigentlich gar nicht genau, wie sich eine solche Gemeinschaft ereignet.
Und dann ist es ja gleichzeitig der Auftrag der Kirche, eine Lerngemeinschaft zu sein: zu lernen mit allen Menschen, ob sie Mitglieder der Kirche sind oder nicht.
Meiner Erfahrung nach braucht es oft eine Idee, eine Sehnsucht, um anzufangen.
Pionier:in sein heißt für mich dann, meine eigenen Ideen als Anstoß zu nehmen aber gleichzeitig darauf angewiesen zu sein, dass einem der Ort und die Menschen erzählen werden, wie Gott sich hier ereignet als transformative Wirkung.
Die Veränderung passiert nicht an uns vorbei, sondern durch uns hindurch. Durch echte Begegnungen entsteht Vertrauen, und genau dort beginnt Veränderung.
Pionier:in sein bedeutet, Begegnungen zu erleben mit der Erlaubnis, eine andere zu werden. Sich eine andere Wirklichkeit zu erträumen und gleichzeitig ganz wach sich in diese Richtung zu bewegen – nicht alleine, sondern gemeinsam mit anderen in einer achtsamen und hörenden Haltung.
Solange wir in die Kirche einladen, sind wir Gastgeberin, machen die Regeln. Wir geben die Liturgie vor, entscheiden über Sprache und Themen. Wenn ich zu Gast bin, ist es genau umgekehrt. Das macht etwas mit der Haltung, und das finde ich spannend.
Als Team erleben wir: Gott passiert auf der Straße, an den Rändern, in marginalisierten Kontexten, in Geschenken und Gaben. Zu Hören gibt es da draußen viel. Gottvolle Geschichten, Vieles, was ich noch nicht kenne – was ich aber zum Leben brauchen werde.
Ich lerne Themen kennen, die für die Menschen in meinem Stadtteil wichtig sind. Themen, die uns unbedingt angehen, in denen vielleicht auch ein Auftrag steckt.
Gerade die erste Zeit im Erprobungsraum war für mich eine Zeit des Dekonstruierens und Verlernens.
Eine der Fragen, mit denen wir anfangs unterwegs waren, ist: Was predigt die Straße? Dabei habe ich dann nicht darüber nachgedacht: Was werde ich predigen am Sonntag?, sondern: Was wird uns gepredigt, wenn wir draußen unterwegs sind?
Die Kirche, durchorganisiert und durchstrukturiert, wie sie ist, wirkte auf uns dann manchmal wie ein ungezähmtes Pferd, das einfach durchgaloppiert. Das Hören ist für uns eine starke Verlangsamung und eine Art, sich zähmen zu lassen von dem Ort. Gemeinsam hinzuhören auf das, was sich ereignet und wo wir vielleicht auch gemeinsam Gott entdecken.
Die Verlangsamung ist wichtig, um nicht in diese Haltung zurückzufallen: „Ich entwickle etwas für andere“. Zögern ist angebracht, zögern und warten, wie Gott sich ereignet.
Ich wünsche mir eine Kirche, die sich irritieren lässt, berührt ist von dem, was die Menschen um sie herum in ihrem Alltag beschäftigt, umtreibt, bewegt, belastet und ausgrenzt. In Kalk erlebe ich, wie viel sich in Bewegung setzen kann, wenn wir draußen sind und zuhören.
Beim Pop-up-Singen im Park erleben wir Gemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Menschen und merken, dass es sich frei anfühlt, verbunden. Weil wir zusammen Musik gemacht haben, ohne, dass es geplant war.
Am Ende umarmen sich alle und gehen los. Ein Mann am Rand des Parks sagt: „Geile Mukke.“ Einen Tag später gibt einer, der mitsang, uns spontan sein ganzes Geld ab für einen Einkauf für eine hungrige Person in Kalk, die sich an uns gewandt hat.
Bei der Planung fürs Straßenfest draußen fragen wir: „Was braucht es für ein Fest?“ Am Ende bringen alle etwas ein, die Tagespflege spendet ein Hochbeet, das ein Kalker Hobby-Gärtner gemeinsam mit anderen beim Fest bepflanzt, viele helfen mit, eine Info-Tafel aufzuhängen, die auch nach dem Fest noch beim Verknüpfen helfen soll, Kalker Künstler:innen machen Musik und motivieren andere, mitzusingen, es gibt äthiopischen Kaffee und einer macht Fufu, eine nigerianische Spezialität, für alle.
Mit meinen Kollegen Tsegay und Tobias merke ich immer wieder: Es geht nicht darum, fertige Lösungen mitzubringen, sondern gemeinsam mit den Menschen ihre Stärken zu entdecken und Gemeinschaft wachsen zu lassen.
Die Kirche muss nichts allein schaffen. Kann sie auch nicht. Es liegt viel Kraft darin, wenn wir uns mit anderen Menschen und Initiativen zusammenzutun. Wir sind zum Beispiel Teil eines großen Bündnisses, dass sich für den Bau des Migrationsmuseums Selma einsetzt (Instagram: @selmableibt). Dabei geht es um etwas Großes: um ein neues „Wir“ – darum, einen Ort zu schaffen, an dem Deutschland sich als Einwanderungsland verstehen und lieben lernen kann.
Als internationales und multiprofessionelles Team (Tsegay ist Sozialpädagoge, Tobias ist Schreiner, Pionier & Evangelist und ich, Christiane, bin Pfarrerin) versuchen wir, einander zu verstehen: Warum genau ist dir das wichtig? Was genau könnte darin das sein, was Gott mir durch dich im Team zeigt? Gleichzeitig lernen wir, der eigenen Stimme etwas zuzutrauen und sie der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen.
Das Besondere der Pionier:innenweiterbildung liegt für mich in der Mischung von Theologie, Persönlichkeitsentwicklung und sehr praktischem Handwerkszeug. Wir waren einerseits viel unterwegs, viel zu Gast, haben viel gehört und ganz unterschiedliche Orte kennengelernt.
Und dann war auf der anderen Seite immer wieder Raum da, sich auszutauschen, das Erlebte zu reflektieren, gemeinsam zu fragen: Was bedeutet das für unsere Theologie? Was bedeutet es für mich? Welche theoretischen Ansätze geben mir Orientierung?
Ich merke, dass das auch für unsere Arbeit in Kalk wichtig ist.
Um zu priorisieren, was dran ist, brauchen wir Raum uns auszutauschen – und dann unbedingt immer wieder neu viel Zeit, auf der Straße zu sein. Es braucht den Abgleich von dem, was im Stadtteil los ist und von dem, was wir als Einzelne erleben und reflektieren.
So üben wir ein, dass Gott auf der Straße alles schenkt, was wir brauchen, um Teil ihrer transformativen Wirkung zu werden und darin selbst verändert zu werden.
Kalkkennen bei Instagram: @kalkkennen
Pionier:innenweiterbildung: https://www.eh-hessen.de/weiterbildung/weiterbildung-fuer-pionierinnen-in-kirche-mission-gesellschaft-fresh-x/
Wir kooperieren als Netzwerk mit der Pionier:innenweiterbildung der Evangelischen Hochschule Hessen. Bei Interesse an der Weiterbildung oder einem fx-Stipendium meldet euch bitte bei Carina Daum unter carina.daum@eh-hessen.de.