Wunder sehen lernen

13. April

Meine Geschichte mit Kirche ist ein einziges Wunder. Wir hatten es nie leicht miteinander. Als ich als Teenager plötzlich selbst meinen Gott aus meiner roten Gute-Nachricht-Taschenausgabe herausgelesen habe, da wollte meine Kirche so gar nicht mehr dazu passen. Ein Wunder, dass wir immer noch zusammen sind. Wenn ich auf meinen Taufschein schaue, dann sogar genau seit 50 Jahren.

Dabei fing es eigentlich gleich schwierig an. Der Pastor der Kirche neben meinem evangelischen Kindergarten musste ausgerechnet mich in meinem ersten Kindergottesdienst aus der Bank ziehen, um die Opferung Isaaks zu demonstrieren. Kurz darauf war Taufgespräch in der Zweizimmer-Wohnung meiner Großeltern. Herr Pastor beugte sich zu mir herab und ich hab ihn erst einmal gehauen. Nochmal sollte der mich nicht opfern! Da war ich drei. Die Aufregung war groß. Ich wurde trotzdem getauft.

Wunderbar beschenkt

Es war ein Wunder, dass ich Ende der 1990er-Jahre plötzlich die Chance auf ein Volontariat in einer kleinen Lokalzeitung auf einer Nordseeinsel bekam. Der Chefredakteur kam mit dem Fahrrad und brauner Ledertasche um die Ecke geschossen und rief meinen Namen. Er fragte in mein verwundertes Gesicht, ob ich mir das vorstellen könnte. Konnte ich nicht, aber ich habe zugesagt.

Und Wunder über Wunder haben dann den kleinen Verlag überhaupt erst möglich gemacht, den ich ein paar Jahre später mit einem Freund gründete und der mir über 15 Jahre lang ein sehr gutes Auskommen beschert hat.

Wunderbarer Neuanfang

Ich muss mir selbst immer mal wieder die Frage beantworten, warum ich mich entschieden habe, mit Anfang 50, das Leben auf einer schönen Insel, ein gesichertes und sehr ordentliches Einkommen einzutauschen. Und das gegen die Möglichkeit für wenig Geld mit unklarer Perspektive die Ausbildung zum Gemeindepädagogen zu machen. Die Antwort ist: Ich glaube an Wunder. Ich habe welche erlebt. Und ich möchte es wieder tun und ganz nebenbei Kirche verändern.

Denn das gehört auch zu meiner wundersamen Geschichte mit Kirche: Gerade als ich 2016 mal wieder die Nase von dem Laden voll hatte, lernte ich Fresh X kennen. Es war die Rettung. Plötzlich war ich nicht mehr alleine, sondern Teil einer Gemeinschaft, die zusammen auf der Suche ist beim Wandern und Wundern.

Wunder entdecken

Der große Joseph Beuys hat mal gesagt, „die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“. In Hamburg ist das ein quirliger Ort voller Menschen und Schicksale. Wer sich eine Stunde Zeit nimmt und nur beobachtet, wird Mysterien entdecken.

Wunder finden an der Theke des Cafés im Jesus Center im Hamburger Schanzenviertel statt, wo der Kaffee 25 Cent kostet und das Mittagessen 1,50 Euro.

Und sie geschehen in der niedersächsischen Provinz, wo der neunjährige Julian vor dem Haus sitzt, in dem der Mittagstisch und Hausaufgabenbetreuung der Gemeinde stattfinden. Julian zeigt Annabella seine Sammlung winziger Glitzersteine und sie müssen eng zusammenrücken, um ganz genau zu gucken. Sie schenken sich Nähe, ganz ohne es zu bemerken. Ein heiliger Moment.

Wunder erleben und erzählen

Wunder gibt es dauernd und überall. Sie faszinieren, haben eine Anziehungskraft. Wunder müssen erlebt und gesehen werden, damit sie Teil der Lebensrealität werden.

Einmal erlebt, haben Wunder eine wundervolle Eigenschaft: Sie nutzen sich nicht ab. Sie können wie ein Schatz gehütet werden.

Das Bild, das mir dazu einfällt, stammt aus der katholischen Kirche, wo im Tabernakel der Leib Christi aufbewahrt wird. Nicht eingesperrt, sondern gehütet wie ein Schatz. Jederzeit bereit, herausgeholt zu werden und seine Kraft zu entfalten: „Sammelt Schätze im Himmel“ (Matthäus 6,20).

Wunder sehen lernen und Schätze bewahren, dieser Spur will ich hier in den kommenden Monaten nachgehen.

Dirk Kähler

Journalist und angehender Gemeindepädagoge