Der kleine Mönch und wir

Mittwoch

Christsein existiert schon immer in vielfältigen Formen. Unser erster Gedanke gilt oft dem Gemeinde-Christentum. Aber ebenso lange gibt es Klöster und Kommunitäten. Und eine dritte bedeutsame Form ist das öffentliche Christentum: Kirche als zivilgesellschaftlicher Akteur – in Bildung, Soziales, Gesundheit, NGO’s oder Politik. Die Grenzen sind fließend. Ich persönlich fühle mich weltzugewandten Kommunitäten verbunden, die zeitgenössischen new monastic movements stehen für ein ganzheitliches Verständnis gelebten Glaubens.

Ein Vorbild für mich ist Madeleine Delbrel (1904-1964), von der das Zitat stammt:

„O Gott, wenn Du überall bist, wie kommt es dann, dass ich so oft anderswo bin?“

Das Leben lehrte sie, dass wir Menschen oft nicht präsent sind. Wir hängen mit unseren Gedanken in der Vergangenheit oder sinnen über die Zukunft nach. Meist jedoch verdächtigen wir Gott der Abwesenheit, indem wir fragen: Gott, wo bist Du? Dabei könnten wir wissen, dass jeder Moment und jeder Ort zur Begegnung mit Gott und zur Gotteserfahrung werden können, wie es Jakob erkannte (vgl. Genesis 28).

Natürlich kann es helfen, sich an einen ungestörten Ort zurückzuziehen, um innerlich zur Ruhe zu kommen und Gottes Stimme von jenen unterscheiden zu lernen, die ständig um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Doch Madeleine Delbrel, die als junge Frau erwog, sich dem Karmeliterorden anzuschließen, erkannte schließlich, dass man sich nicht aus der Welt zurückziehen muss, um Gott zu finden. Sie entdeckte Ihre Berufung darin, wie Jesus mitten in der Welt zugleich nahe bei Gott und bei den Menschen zu sein. So gründete die Sozialarbeiterin mit Freundinnen eine christliche Lebensgemeinschaft in Ivry, einem Vorort von Paris. Die Arbeiterstadt war die erste in Frankreich, die kommunistisch regiert wurde.

Erst posthum erschien eine Sammlung von Aphorismen über das geistliche Leben mit dem Titel „Der kleine Mönch“. Darin beschreibt sie augenzwinkernd die Versuchung von spirituellen Menschen, sich ganz aus dem Lärm zurückzuziehen, sich über andere zu stellen oder sich von Enttäuschungen entmutigen zu lassen. „Der kleine Mönch“ wird so zur humorvollen Identifikationsfigur für alle Christ:innen, die mitten in der Welt, der Familie, einer Firma usw. geistlich leben möchten. Delbrel kennt ihre Herausforderungen nur zu gut. Aber sie greift nie an. Man spürt bei ihr ein liebevolles Hinweisen auf die vielen Gedanken, die in uns aufkommen und uns an einer authentischen Spiritualität hindern.

Für sie gibt es keinen Weg zu Gott, der an den Menschen vorbeiführt. Sie entlarvt Gedanken spiritueller Menschen, die meinen: Wenn die Mitmenschen nicht so schwierig wären, könnten sie selbst leichter geistlich leben. Für Delbrel ist das eine Versuchung, Gott aus dem Weg zu gehen. Doch wir begegnen ihm oft gerade mitten in den Problemen und Konflikten unseres Alltags. Ihr Vorbild ist Jesus, der aus der inneren Verbundenheit mit Gott heraus wirkte. Die Zuwendung, mit der er Menschen begegnete, bezeichnete sie als Herzensgüte: „In der Schule Jesu lernen wir, mit dem eigenen Herzen auf die Herzen der Anderen und auf ihr Hoffen zu lauschen.“

„Der kleine Mönch“ ist ein Alltagsbegleiter. Das Buch besteht aus kurzen Merksätzen – Einsichten, die er unterwegs auf den Straßen über das Leben als Christ:in gewonnen hat. Sie führen die Leser:innen heute mitten hinein in die Spannung, die im Ringen um einen geistlichen Weg mitten in unserer Welt liegen. „Der kleine Mönch“ zeigt uns Wege auf, wie wir heute in säkularen Kontexten glaubhaft Zeugnis für Jesus Christus ablegen können.

Andreas Schlamm

Kirchen-Erneuerer und Ermöglicher