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Evangelisation im digitalen Zeitalter

12. Oktober

Viele Menschen denken bei Evangelisation immer noch an Bekehrungsabende in Gemeinden oder Zelten, an Straßenevangelisation oder riesige Veranstaltungen. Doch natürlich ist die Evangelisation auch im digitalen Raum angekommen. Wie man in den sozialen Medien am besten von Gott erzählt, welche Dinge man beachten sollte und wie man Wirkung erzielen kann, wissen Influencer:innen am besten. Mit einigen von ihnen haben sich die Mitarbeitenden am Institut für missionarische Jugendarbeit ausgetauscht und sechs zentrale Thesen erarbeitet.

Diese Thesen umfassen das Ziel digitaler Evangelisation, die Zielgruppen und deren Ansprache, die Wahrnehmung der eigenen Logiken der verschiedenen digitalen Plattformen und deren Berücksichtigung im Evangelisationsprozess. Aber auch die Pluralität der digitalen Angebote und deren wertschätzende Kommunikation werden benannt, ebenso wie die herzustellenden Resonanzräume und Partizipationsmöglichkeiten sowie zielgruppenorientierte Follow-up-Angebote. Alle Thesen sind ausführlich auf der Seite des Instituts dargestellt. Mit Carina Daum, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für missionarische Jugendarbeit haben wir über die Thesen und die Erkenntnisse des Forschungsprozesses gesprochen.

Eure erste These befasst sich mit dem Ziel digitaler Evangelisation. Gleichzeitig taucht in dem Abschnitt auch auf, wie die Form digitaler Evangelisation sein muss: sehr persönlich, gleichzeitig anonym, sehr individuell, gleichzeitig massentauglich …

Carina Daum: Ja, das ist immer die Herausforderung. Als Forschende sind wir natürlich nicht die Content-Creator:innen, sondern haben sie nur interviewt und profitieren von ihren Erfahrungen. Und da haben wir gemerkt: Es gibt wirklich große Unterschiede. Wir hatten Creator:innen dabei, die ganz persönlich von ihrem Lifestyle, ihrer Ehe berichten. Andere haben hauptsächlich auf das eigene Berufsleben abgezielt, weil sie Jugendpastoren sind. Und wieder anderen war es wichtig, digital einen Mehrwert zu kreieren und quasi ausschließlich Evangelisation zu betreiben. So zeigt sich die ganze Breite der digitalen Evangelisation. Es ist eine riesen Pluralität, weil die Menschen auch so verschieden sind.

Glaubst du, dass es früher leichter war zu evangelisieren? So ganz klassisch: Man kam in eine Stadt, baute ein Zelt auf und es gab jeden Abend eine Veranstaltung mit einem Bekehrungsaufruf am Ende. Oder ist es heute leichter?

Ich glaub, man kann‘s nicht sagen. So ein Zelt mit klarer Ausrichtung bringt natürlich eine gewisse Einfachheit mit sich. Wobei ich glaube, dass die Menschen dort auch ähnliche Probleme oder Herausforderungen haben. Die Chancen und Möglichkeiten sind heute größer, aber auch die Herausforderungen, die Leute wirklich zu erreichen. Es ist anders als im Vergleich zu früher. Für uns fühlt es sich oft noch relativ neu an, auch wenn es schon seit 15 Jahren die Realität vieler Menschen ist. Da dürfen und müssen wir noch ein bisschen üben und uns noch mehr einfinden.

Würdest du also sagen, dass Kirche im Hinblick auf die Zeitspanne, grad gut mitgeht? Sonst macht man Kirche ja auch gerne den Vorwurf, dass sie immer hinten dran ist und die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.

Kirche passt sich da der deutschen Gesellschaft an. In Deutschland hinken wir in Sachen Digitalisierung ja allgemein etwas hinterher. Ich glaube, dass es sich lohnt, weiter zu investieren, aber ich würde auch sagen, dass schon einiges passiert. Und daran können und sollten wir anknüpfen. Es gibt zum Beispiel nur eine Vollzeit-Stelle für digitale Evangelisation, zumindest soweit ich weiß, Rose de Jesus ist jetzt bei der Allianz Mission angestellt, aber viel zu oft, arbeiten digitale Content Creator:innen nebenbei oder rein ehrenamtlich. Aber um eine gewisse Professionalisierung hinzubekommen, muss es natürlich mehr davon geben. Es liegt auch an den Kirchen zu sagen, wir wollen investieren und vorwärts gehen. Aber sich jetzt zu stressen, bringt niemandem etwas.

Die Zielgruppe bei der digitalen Evangelisation ist super breit. Zum einen sehr individuell und dann doch wieder sehr breit gefächert. In der zweiten These widmet ihr euch der Zielgruppe, in der dritten den Logiken und Algorithmen der verschiedenen Plattformen. Je nach Form und Medium wird eine andere Zielgruppe angesprochen. Gibt es trotzdem einen Hinweis, welche Medien besonders gut für digitale Verkündigung funktionieren und welche nicht?

Wir haben nichts ausgeschlossen, aber auch nichts explizit hervorgehoben. Es gibt schon den Trend, eher auf TikTok, Instagram und YouTube unterwegs zu sein, es gibt aber auch viele, die sich auf Dischord aufhalten und Gaming als Thema besetzen, die sind also noch mal in einer ganz anderen Sparte unterwegs. Aber die meisten findet man auf Instagram und TikTok, würde ich sagen.

Und die Zielgruppe erarbeitet man sich eher durch Sprache und Form und weniger durch das Medium selber?

Ich glaube, da kommt beides zusammen. Klar, jedes Medium bringt auch seine eigenen Logiken und Algorithmen mit, das muss man immer mitbedenken. Aber das musste man früher auch – auch da gab es bei Evangelisationsveranstaltungen den Blick auf die Raumästhetik. Nur jetzt ist der Raum eben ein digitaler. Das Wissen bringen die Content-Creator:innen natürlich mit oder eignen es sich an. 

Ihr sagt auch, dass verschiedene Kommunikationspräferenzen beachtet werden und dass eine Einladung häufig über Dritte erfolgt. Man versucht also zugleich Leute anzusprechen, die schon im Glauben beheimatet sind, als auch die ausfindig zu machen, die offen für Glaubensthemen sind. Kann man denn überhaupt beide gleichzeitig ansprechen? Und wie kriegt man die Dritten dazu, dass sie andere einladen?

In der analogen Evangelisation und Mission haben wir es ja – im Jugendbereich – auch mit Jugendgruppen zu tun, in denen Christ:innen und Nichtchrist:innen zusammenkommen. Da ist es immer eine Herausforderung, beide anzusprechen und einzubeziehen. Wobei der Fokus im Digitalen sicherlich darauf liegt, die zu erreichen, die eben noch nicht erreicht wurden. Zum Beispiel Menschen, die nicht mobil sind oder Angst vor sozialen Gefügen haben und deswegen über analoge Formate bisher nicht angesprochen wurden. Das ist richtig toll und eine Riesenchance, die sich uns eröffnet. Gleichzeitig wollen wir die Zielgruppen nicht in analog und digital unterteilen oder gegeneinander aufwiegen. 

In der vierten These schreibt ihr, dass die Beanspruchung der absoluten Wahrheit im Kontext evangelistischer Inhalte im Widerspruch zur Grundausrichtung von Social Media steht. Inwiefern kann man dann aber Menschen digital dazu einladen, sich der eigenen verkündeten Wahrheit anzuschließen?

Bei der These ging es hauptsächlich darum zu betonen, wie wichtig es ist, auch andere Meinungen zuzulassen. Es gibt ja einen Unterschied, ob ich sage: Die Wahrheit ist so und so und daneben gibt es keine andere oder ob ich sage: Ich sehe Jesus und Gott so und so und du siehst sie, wie du sie siehst. Man kann – gerade in den sozialen Medien – vielfältige Gottesbilder und den Glauben auf unterschiedliche Art und Weise kennenlernen. Das ist toll und sollte in den sozialen Medien auch unbedingt seinen Platz haben. Gerade die Digitalisierung bietet uns eine Riesenchance, die Pluralität, in der wir uns ohnehin befinden, abzubilden. Wir sind als christliche Community verschieden, weil wir eben alle unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und das dürfen und sollten wir zeigen. Aber wertschätzend miteinander und mit den unterschiedlichen Meinungen.

Digitale Evangelisation lebt stark von der Resonanz, also von Mitmachmöglichkeiten. Und gleichzeitig sind doch auch alle genervt von ständigen Call-to-Actions, oder?

Das ist sicherlich auch stark abhängig von der Zielgruppe, in der man sich bewegt. Aber Evangelisation braucht immer auch die Ansprache des Gegenübers. Und es passiert ja auch etwas im Gegenüber: und sei es noch so eine kleine Veränderung, vielleicht auch Irritation oder Wut. Vielleicht aber auch nur der Impuls, noch mal eine Sache nachzufragen. Und das passiert nicht nur beim Evangelisieren, sondern im Miteinander. Und da ist Gott natürlich mittendrin.

In der sechsten These ging es euch um Follow-up-Angebote. Was hat sich da eurer Erfahrung nach bewährt? Eine Rückkopplung in die analoge Welt oder sollte so etwas besser auch digital stattfinden?

Darüber hatten wir lange diskutiert, es gab viele verschiedene Meinungen. Viele haben für rein digital plädiert, die anderen für Angebote vor Ort und wieder andere haben gute Erfahrungen mit hybriden Angeboten gemacht. In den USA gibt es inzwischen rein digitale Gemeinden – die sind weiter als wir in Deutschland und konnten damit auch gute Erfahrungen sammeln. Digitale Evangelisation bzw. die verschiedenen Impulse der Content-Creator:innen sind Meilensteine auf einem langen Weg des Glaubens und jede und jeder trägt sein Steinchen dazu bei. Wichtig ist nur – und da waren sich alle einig – dass es irgendwie weitergehen muss, dass man die Follower:innen nicht alleine lassen kann. Die reine Verantwortung kann aber auch nicht nur bei den Content-Creator:innen liegen, weil sie teilweise ja wirklich Massen an Follwer:innen haben. Wir als gesamte Christenheit müssen gucken, wie wir ein Netzwerk und Angebote schaffen, die die Menschen dort abholen, wo sie gerade stehen, um sie in ein nachhaltiges Glaubensleben mit reinnehmen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Autorin, Lektorin, Redakteurin von Beruf. Im Fresh X-Netzwerk und an der CVJM-Hochschule. Mitarbeitende, Mitdenkende, Mitgestaltende in Kirche. Suchende, Sehnende, Scheiternde, Fragende, Findende, Fordernde im Privaten.