inspiriert

In der Diakonie stecken Fresh X-Gene

11. November

Die Diakonie Leipziger Land ist Mitglied im Fresh X-Netzwerk. Wir haben mit Tobias Jahn, dem geistlichen Leiter dort, darüber gesprochen, wie Fresh X-Initiativen und Diakonie sich ergänzen, inspirieren und herausfordern.

fx: Wenn man an die Zusammenarbeit von Diakonie und Kirche denkt: Ist die Diakonie für das Handeln zuständig und die Kirche für die Theorie?

Tobias Jahn: Zumindest wird das oft so wahrgenommen, aber ich glaube, das ist ein bisschen zu kurz gesprungen. Im Sinne von Johann Hinrich Wichern, dem Gründer der Diakonie, gehören die Tat der Liebe und das Wort der Liebe zusammen. Es reicht nicht, wenn wir am Sonntagmorgen die Liebe Gottes von den Kanzeln predigen und sie aber von Montag bis Samstag nicht spür- und erfahrbar wird. Daneben war es Wichern auch wichtig, den Kindern und Jugendlichen, mit denen er viel gearbeitet hat, nicht nur ein Dach über den Kopf zu bauen, sondern auch ein Dach über ihre Seele, über ihr Herz. Und das ist im Grunde Innere Mission, wie die Diakonie früher hieß; hier gehört beides zusammen, die liebe Tat und das Wort der Liebe.

Inwiefern ist die Diakonie als Wirtschaftsunternehmen heute noch missionarisch aktiv?

Diese Frage müssen sich Diakoniewerke stellen, und warum man in den Fünfziger, Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Namen Innere Mission aufgegeben hat. In Ostdeutschland hat man bis zur Wende an diesem Namen festgehalten und so auch die missionarische Aufgabe der Diakonie unterstrichen: Den Menschen neben der Begleitung, Versorgung und Betreuung auch geistliche Hilfe und Perspektiven zu geben. Heute ist es so, dass die Diakonie vor allem als großer Arbeitgeber angesehen wird. Wir haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gut und professionell ihren Dienst – im Auftrag der Nächstenliebe – tun, motiviert und engagiert sind, aber den eigentlichen Auftraggeber gar nicht mehr kennen. Wir arbeiten in der Diakonie also oft mit Menschen, die nicht mehr Teil von Kirche oder Gemeinde sind. Deshalb müssen wir uns auch heute die Frage stellen: Welche geistliche Verantwortung haben wir gegenüber den Menschen, die wir begleiten und betreuen, aber auch gegenüber unserer Mitarbeiterschaft? Michael Herbst hat einmal sinngemäß gesagt:

Wer im Leben des Nächsten auftauchen will, muss vorher schon in die Liebe Gottes eingetaucht sein.

Das beschreibt unsere Spannung: Wenn die Diakonie nur noch ein Arbeitgeber ist, wo Menschen eben arbeiten, ohne dass auch etwas davon spürbar wird, dass das auch Kirche ist, dass da auch geistliches Leben ist, dann können wir das Kronenkreuz im Logo abschrauben. Das erkennt ohnehin kaum noch jemand als die Buchstabenkombination I und M für Innere Mission, sondern sieht darin lediglich das Logo der Diakonie. Wobei man sagen muss, dass die Diakonie in der Außenbetrachtung von einigen nach wie vor als Teil von Kirche wahrgenommen wird. Das finde ich spannend: Wenn es für außen so klar ist, muss es auch für die Menschen innen klar sein, damit die Erwartungen, die Menschen an die Diakonie haben, nicht enttäuscht werden. Deshalb ist es wichtig, dass diakonische Arbeitgeber sich über ihre geistliche Dimension und Verantwortung auch Gedanken machen und überlegen, wie sie das in ihrer Organisation, in ihren Werken und einzelnen Arbeitsbereichen umsetzen und leben können. Meine Aufgabe als Geistlicher Leiter ist, genau das in die Erfahrungswelt zu bringen und die Mitarbeiterschaft geistlich zu begleiten.

Jetzt ist die Diakonie Leipziger Land auch Teil des Fresh X-Netzwerkes. Inwiefern passt das so gut zusammen?

Was an Diakonie Fresh X ist, da könnte man lange diskutieren. So wie ich Diakonie erfahren habe, war sie am Anfang auch ein Fresh X. Genau darum ging es in den Zeiten, in denen die Kirche die Menschen nicht mehr erreicht hat, weil die Lebensbedingungen sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts verändert haben. Wichern und andere Diakoniker, haben das wahrgenommen und genau beobachtet, sind dann quasi aus ihren Kirchenmauern herausgekrochen, mit dem Willen, es anders zu machen.  

Und sie sind zu den Leuten hingegangen.

Ja, die sind hingegangen, zu den Menschen und haben z.B. in der Cholera-Epidemie Kranke gepflegt. Oder wenn man an Amalie Sieveking denkt, die in Hamburg mit arbeitslosen Männern Kinderwagen gebaut hat und dann diese Männer auch noch dazu gekriegt hat, die Kinder in den Wagen auszufahren. Also verrückte Sachen, zum Teil auch Experimente, mit viel Fantasie, Dienstgemeinschaft war in vielen Fällen auch Lebensgemeinschaft.

In all diesen diakonischen Anfängen waren die Fresh X-Gene drin.

Warum ist die Diakonie Leipziger Land Mitglied im Fresh X-Netzwerk geworden?

Wir sind vor ein paar Jahren Mitglied geworden, weil wir unter anderem sehen wollten, wie wir Menschen oder Initiativen, die dasselbe geistliche Anliegen, dieselbe missionarische Grundhaltung teilen, unterstützen können – und was wir selbst als Diakonie dabei für uns rausziehen können. Denn auch die Diakonie braucht, um weiter als Diakonie, als Fortführung der Inneren Mission, tätig sein zu können, Menschen, die nicht nur aus der Perspektive des Berufs her tun. Wir brauchen Menschen, die sich dafür interessieren, was Diakonie im Inneren ausmacht, Menschen, die ein missionarisches Herz haben, Menschen, die sich anderen gerne schenken wollen, die gerne auch davon erzählen, was sie trägt, was ihre Hoffnung ist und was ihren Glauben an Jesus ausmacht.

Gibt es denn schon Projekte oder erste Schritte, die Diakonie und Fresh X aktuell gemeinsam machen? Also gibt es so etwas wie ein Fresh X-Projekt innerhalb der Diakonie?

Es gibt verschiedene Ansätze von Fresh X, von denen ich glaube, dass sie uns als Diakonie und Kirche helfen können. Ein Ansatz ist zum Beispiel die Kirche Kunterbunt. Das ist ein ganz konkreter Ansatz in der Arbeit mit Kindern und ihren Eltern in der Regel. Natürlich machen meist die Kirchen diese Angebote, aber an vielen Stellen greifen diese Angebote nicht mehr, die Leute werden nicht erreicht. Wir als Diakonie sind z.B. Träger von vielen Kindertagesstätten. Das heißt, wir haben eine Menge Kinder und jede Menge Eltern, die ihre Kinder gerne zu uns schicken – und das nicht unbedingt zwingend aus religiösen Motiven. Und da denk ich: Mensch, wir haben Kinder, wir haben Eltern, den Kirchengemeinden fehlen manchmal Kinder und Eltern, wäre das nicht was, sich mal diesen Ansatz genauer anzuschauen?

Ansonsten ist die Diakonie in vielen Arbeitsbereichen ein Stück weit Fresh X: Wir haben z. B. seit vielen Jahren offene Jugendarbeit. Wir haben ein Jugendzentrum und erreichen da Jugendliche, die nie und nimmer in eine Gemeinde gehen würden.

Würden Sie sagen, dass die Diakonie Leipziger Land von der Fresh X-Bewegung inspiriert wird und was lernen kann?

Ja, ich denke schon auch, dass die Diakonie von Fresh X lernen kann. Was ich von Fresh X lerne, ist die Haltung – die Fresh X ja auch versucht gegenüber von Kirche deutlich zu machen: „Liebe Gemeinde, liebe Kirche, macht euch bewusst, dass Kirche nicht nur der Sonntaggottesdienst morgens um zehn Uhr ist, dass Kirche nicht nur das Gemeindehaus oder die Stadtkirche ist, sondern dass Kirche auch in anderen Zusammenhängen sein kann. Wo Menschen zusammen unterwegs sind, gemeinsam einen Weg suchen und gehen, sich kennenlernen, wo Menschen sich schenken, in Begegnung sind, das ist immer auch ein Stück weit Kirche. Sei es bei einer Andacht, einem Gottesdienst, oder bei anderen Angeboten wie einem Pilgerweg, einem Tag der Stille oder bei diakonisch-theologischen Fortbildungen. Überall dort können Andockmöglichkeiten für Menschen entstehen, die mit den sonstigen kirchlichen Angeboten nichts anfangen können. Wenn sie in ihren Arbeitsfeldern geistliche Angebote wahrnehmen können, ist das sozusagen auch schon ein Raum der Kirche. Dass die Arbeitnehmer spüren, dass sie in einem christlichen Unternehmen sind und sie da auch ihre geistliche Heimat finden.

So kann Diakonie wieder stärker Ort geistlichen Lebens werden, für die Menschen, die dort leben und die dort arbeiten.

Das wäre ja etwas, das Kirche von Diakonie lernen kann, aber wäre das auch etwas, was Fresh X von Diakonie lernen kann?

In der Regel sind Diakonische Träger gut funktionierende Organisationen. Und Fresh X besteht aus vielen Start-ups, wenn man so will. Und solche Start-ups durchlaufen bestimmte Phasen, wo man irgendwann überlegen muss, wie man sich perspektivisch gut organisieren kann, damit so etwas auch eine Zukunftschance hat. Da kann man natürlich bei Diakonie viel lernen.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch.

Autorin, Lektorin, Redakteurin von Beruf. Im Fresh X-Netzwerk und an der CVJM-Hochschule. Mitarbeitende, Mitdenkende, Mitgestaltende in Kirche. Suchende, Sehnende, Scheiternde, Fragende, Findende, Fordernde im Privaten.