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Ist Kirche der neue Voldemort?

01. November

Als sich der Facebook-Konzern nach einer Menge Kritik vor zwei Jahren in Meta umbenannte, erschien auf irgendeinem christlichen Kanal ein Meme. (Nebenbei, es erschien auf Twitter, man hörte davon, dieses Netzwerk heißt jetzt auch irgendwie anders.) Das Meme drehte sich darum, dass Kirche ja auch umbenannt werden könnte. Auf dem Bild präsentierte Mark Zuckerberg das neue Logo: “Kircha”. Das ist sehr nah am Original – und wie bei jedem guten Witz steckt ein Funke Wahrheit darin.

Kirche: Ein schwieriger Begriff

Ein Gedanke lässt mich dabei seitdem nicht mehr los. Müssten wir uns nicht wirklich von diesem schwierigen Begriff der Kirche trennen? Vielleicht auch gerade im Fresh-X-Bereich? Ja, natürlich, Kirche bedeutet allerlei Gutes und der Begriff kann tatsächlich für sehr viel Verschiedenes und Gutes stehen. Sandra Bils hat das in einem sehr hörenswerten Worthaus-Beitrag herausgearbeitet.

Aber genau da liegt auch das Problem: Der Begriff Kirche ist derart mit Bedeutung aufgeladen, dass er geradezu missverstanden werden muss. Das hat auch damit zu tun, dass die Kirchen selbst daran gearbeitet haben – und zwar schon sehr lange und je nach Kirche im Sinne der jeweils eigenen Organisation.

Unterschiedlicher Deutungsrahmen von “Kirche”

Nun passiert es aber, dass jede:r anders auf gehörte Worte reagiert. Sie im Kopf anders selektiert, strukturiert und einbettet. Diesen Prozess kann man mit dem englischen Begriff des “Framing” beschreiben, zu Deutsch “Rahmen”. Es geht also um einen Deutungsrahmen, der Bilder, Gefühle, Erinnerungen und auch Vorurteile umfasst. Und der ist eben bei allen anders: “Erdbeere” kann bei den einen quasi den Sommer in den Kopf zaubern, bei anderen die Erinnerungen an den schlimmsten Juckreiz und Allergieschub des Lebens.

So auch Kirche, wie ebenfalls Sandra Bils in einer Folge des Podcasts Karte & Gebiet sehr schön dargelegt hat. Verbunden mit der Frage, wer eigentlich legt fest, was Kirche ist und was nicht?

Was also tun? Ist “Kirche” der neue Lord Voldemort? Ein Name, ein Begriff, der besser nicht ausgesprochen werden sollte? Jesus hat schließlich keine Kirche gegründet. Er wurde als Jude geboren und starb als König der Juden.

Oder muss nicht sogar mehr darüber und von Kirche gesprochen werden? Müssen die alten Kirchenbilder noch aktiver aufgebrochen werden? Es würde sich lohnen, diesen Kampf aufzunehmen und nicht die Deutung denen zu überlassen, die an den alten Bildern festhalten wollen.

Vielleicht geht es genau darum, wenn Jesus im Tempel die Tische der Wechsler und Händler umwirft: Eine Neubestimmung des Inhalts und nicht des Namens.

Der Text ist auch auf dem Blog Stadtlandwunder erschienen.

Dirk Kähler

Fresh-X Pionier, Gemeindepädagoge, hauptberuflich im Erzbistum Hamburg unterwegs, sonst bei Goldost