Kirche interkulturell entwickeln

18. August

Unsere Gesellschaft wird internationaler. Ende 2020 hatten 26,7% aller in Deutschland lebenden Menschen eine Migrationsgeschichte. Gut die Hälfte dieser Gruppe hat einen deutschen Pass – das entspricht ca. 11,7 Mio. Menschen, die z.T. schon vor Jahrzehnten zugewandert sind und Deutschland als ihre Heimat betrachten; die bereits hier geboren oder von Kindesbeinen an hier aufgewachsen sind. Nur spiegelt sich diese Diversität in unseren Gemeinden bislang unzureichend wider, und auch das medial vermittelte Bild von Kirche ist alles andere als vielfältig.

Nun erscheinen in Kürze die Ergebnisse einer interessanten Studie der Internationalen Hochschule Liebenzell. Zum ersten Mal gelang es, ein detailliertes Abbild der gemeindlichen und gottesdienstlichen Wirklichkeit in der Metropolregion Stuttgart zu schaffen. Wer hätte gedacht, dass es dort mehr als 1.400 Gemeinden gibt? Denn lediglich die Hälfte sind landeskirchliche oder katholische Gemeinden. Die tatsächliche Vielfalt und Vitalität ist weit eindrucksvoller. Während in den beiden großen Denominationen aufgrund des Mitgliederverlusts immer mehr die Furcht vor dem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust um sich greift, könnte ein intensiviertes Miteinander aller Gemeinden richtig Kraft entfalten und der Öffentlichkeit verdeutlichen, welchen Mehrwert der christliche Glaube für das Zusammenleben der Kulturen und für das Gemeinwohl bietet.

Doch wie kommen wir vom weithin vorherrschenden Nebeneinander der Gemeinden zu echter Teilhabe und Zusammenarbeit auf Augenhöhe? Wo kann man interkulturelle Gemeinden erleben und etwas von ihnen lernen? Wie sähen Eckdaten einer interkulturellen Kirchenentwicklung aus; wie eine interkulturelle Theologie, die besonders die Erfahrungen der zweiten oder dritten Migrantengeneration wertschätzt und reflektiert? Während in der ersten Migrantengeneration die Bindungen an das Herkunftsland oft sehr eng sind, fällt m.E. gerade der zweiten oder dritten Generation eine Schlüsselrolle in der kirchlichen Transformation zu. Ihre Angehörigen könnten zum Motor interkultureller Kirchenentwicklung werden. Denn ihre besondere Gabe liegt darin, Brücken zwischen den Kulturen zu bauen. Sie verkörpern in ihrer Person ja sowohl die Kultur ihrer Herkunftsfamilie als auch die deutsche Kultur. Sie wollen sich aber nicht für die eine oder andere Kultur entscheiden, sondern sind vielmehr ‘Agents of Change’ – eine Art Hybrid: sie verfügen über zwei Antriebe. Auf sie trifft etwas zu, das in der Anglikanischen Kirche ‘the Gift of not Fitting in’ genannt wird – die Gabe, anders zu sein; nicht so recht hineinzupassen. Wo dieses Empfinden als Ressource begriffen und von der eigenen Community wie auch durch Kirchenleitungen unterstützt wird, kann etwas Neues entstehen. Verheißungsvolle Ansätze zeigt z.B. die Gemeinde auf Augenhöhe. In der rheinischen und der westfälischen Landeskirche gibt es seit einigen Jahren den Internationalen Kirchenkonvent. Diese zarten Pflänzchen verdienen viel mehr Aufmerksamkeit.

Andreas Schlamm

Kirchen-Erneuerer und Ermöglicher