Über Raum und Zeit hinweg

09. September

Ich habe da mal eine Frage: Was ist deine allererste Erinnerung an Kirche?

Ich habe eine ganze Reihe von Antworten auf diese Frage von meinen Kolleg:innen aufgeschrieben. Allesamt Kirchenmenschen. Oft sind es Kindheitserinnerungen. Sie reichen von „Meine Oma war mit mir auf einem Kinderfest, das war toll“, über „In der Kirche wurde eine Kerze angezündet und ich kann immer noch das Streichholz riechen“, bis zu „Es war dunkel und kalt, alle haben ganz ernst geguckt, aber durch das bunte Fenster fiel das Licht auf die Wand und machte bunte Flecken“. Fast immer sind solche Erinnerungen auch an Personen gekoppelt. Die oben erwähnte Oma oder die Menschen, die auch da waren, wie beim Kinderfest.

Unsichtbar verbunden

Diese Momentaufnahmen sind lange vergangen. Manche liegen dreißig und mehr Jahre zurück. Aber sie sind präsent und können sofort abgerufen werden. Das hat etwas mit Bindung zu tun. Die Bindungstheorie besagt, dass Bindung eine Kraft ist, die über Zeit und Raum hinweg Menschen durch ein unsichtbares Band verbindet. Die Bindung geht vom Kind aus. Säuglinge haben dafür ein angeborenes Verhaltensrepertoire. Sie weinen, schreien oder klammern usw., um ihre Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen. Die Bindungspersonen – nicht immer nur die Eltern – reagieren auf dieses Verhalten und erfüllen die Bedürfnisse des Säuglings und später des Kindes und spüren ebenfalls diese Bindung. Je besser und feinfühliger dies geschieht, desto gesünder wird die Bindung zwischen Kind und Bindungsperson.

Die Bindungspersonen sind nicht allein auf der Welt. Sie leben selbst in sozialen Bezugssystemen. Je besser die eigene Bindungsbiografie der Eltern ist, desto gesünder wird auch die Bindung an den Nachwuchs gelingen. Und natürlich haben auch die sozialen Rahmenbedingungen Einfluss. Eine gestresste Mutter, die regelmäßig mit Leistungskürzungen des Jobcenters konfrontiert ist und auch sonst kein stärkendes Umfeld hat, hat mehr Mühe, feinfühlig auf die Bedürfnisse eines Kleinkindes zu reagieren. Bindung ist immer ein System. Und Bindung ist dynamisch: Sie wächst!

Und es geht noch weiter. Bindung ist die Voraussetzung für die Erkundung der Welt. Jeder Sinn und jede Fähigkeit wird vom Kind genutzt, um die Welt zu erkunden. Erfahrungen werden mit der Bindungsperson geteilt und im besten Fall reflektiert und eingeordnet. Und vor allem wird zur erneuten Welterkundung ermutigt. Der Kreis beginnt von vorn und kann ausgeweitet werden.

Bindung und Religion

Das Thema Bindung steckt voller religiöser Metaphern. Bei Bindung geht es nicht nur um die Befriedigung von Primärbedürfnissen. Bindung ist selbst ein Primärbedürfnis. Gesunde Bindung ist eine Voraussetzung für ein als gelingend empfundenes Leben. Bindung geht immer vom Einzelnen aus. Menschen suchen Bindung und das nicht nur als Kleinkind. Bindung ist ein Lebensthema.

Im Jesus Center ist mit dem Café Augenblicke ein Ort gewachsen, den ich als christlich geprägte Bindungsinstitution bezeichnen würde. Im Café können sich Menschen mit Essen, Kleidung, Dusche, Beratung und Gemeinschaft versorgen und damit ihre körperlichen Primärbedürfnisse befriedigen. Es passiert aber mehr. Grundlage des Miteinanders ist der Leitsatz: „Jede und jeder bringt etwas wertvolles mit.“ Menschen bekommen mit dem, was sie mitbringen Bedeutung. Wer etwas von seiner Lebensreise erzählen kann und echtes Interesse erfährt, erlebt genau das gleiche, wie ein Kleinkind, das nach einem „Ausflug“ an den Herd zur Mutter rennt und „Aua“ sagt. Beide sind es wert, gehört zu werden. Sie können etwas abladen und neu starten.

Bindende Erinnerung

Wir sprechen im Jesus Center auch von der Jesus-Center-Familie. Das ist nicht Programm, sondern so entstanden. Und tatsächlich erleben wir, dass Menschen in das Café kommen und von hier aus neu auf ihre Lebensreise gehen. Manche kommen wirklich nur ab und zu vorbei, berichten von dem, was sich entwickelt hat und kommen so lange nicht wieder, bis man sich schon Sorgen macht. Überraschend oft, tauchen sie gerade dann wieder auf.

Es sind eigentlich immer die kleinen Dinge, wie die Erinnerungen am Anfang, die sich als bindend über Raum und Zeit hinweg erweisen. Und die eigene Lebensreise lässt sich auch als eine große Welterkundung deuten. Eines Tages werde ich zu Gott zurückkehren und ihm meine schmerzenden Stellen zeigen. Und zwar zu diesem Gott der von sich sagt: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Dirk Kähler

Journalist und angehender Gemeindepädagoge