Von der Kirche und ihren Problemen

10. April

Die Kirche hat ein Problem. Eigentlich mehrere. Es geht um Kirchensteuern, Selbstverständnis, strukturelle Probleme - und die beymeister aus Köln-Mülheim.

Die Kirche hat ein Problem. Eigentlich mehrere.

Die Zahl der Kirchenmitglieder und damit auch derer, die Kirchensteuern zahlen, sinkt.

Daneben nimmt die Kirche Kirchensteuern von etlichen Leuten ein, die schon lange keinen Fuß mehr in eine solche gesetzt haben.

Die Kirchen sehen sich einer Milieuverengung ausgesetzt. Tatsächlich erreichen sie wohl lediglich 3-5 % aller möglichen Kirchensteuern zahlenden Menschen – und das nur aus bestimmten Milieus.

Sie selbst sieht sich dennoch nach wie vor als eine Institution an, die alle ansprechen will – und das auch tut.

Manche nennen das Realitätsverlust oder Selbstbetrug.

Grundlegende Gedanken

Doch sich das als Kirche einzugestehen, ist schwer. Vielleicht unmöglich. Denn das würde bedeuten, zuzugeben, dass die Gottesdienste, die sonntagmorgens stattfinden, kaum voneinander zu unterscheiden sind und nur wenig Leute ansprechen. Das würde bedeuteten, zuzugeben, dass in Sachen Kreativität und Innovation freie Gemeinden deutlich weiter vorne, deutlich flexibler und deutlich erfolgreicher agieren als man selbst. Das würde bedeuten, zuzugeben, dass man innovative Ideen, neue Projekte, spannende Initiativen nicht nur als kurzfristig angelegte, ehrenamtliche geführte Aktionen unterstützt, sondern dauerhaft als Kirche, als Teil der Kirche etablieren muss. Das würde bedeuten, zuzugeben, dass man die Gelder, die man über die Kirchensteuern nach wie vor einnimmt, zwar nach einem festgelegten Schlüssel verteilt, dieser aber inzwischen vermutlich überholt ist und dringend einer Anpassung bedarf. Das würde bedeuten, dass man kirchliche Strukturen verändern müsste. Das würde bedeuten, dass man sich über den eigenen Anspruch, das Selbstverständnis und das Ziel der Kirchenarbeit grundlegend Gedanken machen müsste.

Der Fall beymeister 

Dass sich Kirche damit aber nicht auseinandersetzen will, zeigt das Beispiel der beymeister – ein weiteres Problem der Kirche.

Seit 2014 in Köln-Mülheim als eigenständiger Teil einer Gemeinde angesiedelt, erreichen sie Leute, die die etablierten Kirchen längst nicht mehr erreichen. Die beymeister haben Menschen mit Spiritualität, mit geistlichen Fragen, mit Gott in Berührung gebracht, die zwar teilweise schon lange Kirchensteuern zahlen, mit Kirche jedoch bisher nichts anfangen konnten. Sie haben neue Formen von Beziehung, Gemeinschaft und Spiritualität gesucht, gefunden und gelebt. Sie haben eine bislang unerreichte Zielgruppe erreicht. Sie sind eine Institution, eine wichtige Anlaufstelle für die Menschen in Köln-Mülheim, in ihrem Veedel. Sie sind Vorbild, Referenzobjekt, Ideengeber für viele weitere Initiativen. Sie waren gern genanntes Vorzeigeprojekt, ein besonderes Labor innerhalb der rheinischen Kirche – solange sie neu waren. Nun haben die beymeister den innovativen Start-up-Charakter verloren und müssten sich als eigenständiger Teil von Kirche in dem Gefüge behaupten können. Dafür müsste ihnen neben dem Eingeständnis, dass auch sie ein Teil der Kirche sind, Strukturen ermöglicht und Gelder zugesprochen werden. Und das geht natürlich nicht.

So stehen die beymeister vor dem Aus. Ende des Jahres 2021 endet die letzte Projektfinanzierung. Und neue Fragen tauchen auf: Wer ist für Initiativen wie die beymeister zuständig? Aus welchen Töpfen könnten sie bezahlt werden? Wer trägt Verantwortung für sie? Welche Ideen und Wege gäbe es, Initiativen wie sie langfristig zu erhalten? Bislang lassen diese Fragen die Entscheider:innen in den (Kreis)Kirchenämtern und Synoden sowie auf landeskirchlicher Ebene ratlos zurück.

Teil der Kirche

Die Leute, die die beymeister erreichen, scheint für die Kirche nicht relevant – die Zielgruppe spielt innerkirchlich wenn überhaupt nur eine untergeordnete Rolle. Dennoch ist Miriam Hoffmann, Mit-Gründerin der beymeister, verständnisvoll: „Es gibt den Wunsch nach Innovation innerhalb der Kirche, es gibt den Willen, Innovationen umzusetzen, aber die Angst, dass das etwas Langfristiges ist, was das System infrage stellt, die ist extrem hoch. Und damit machen wir uns natürlich wahnsinnig unbeliebt.“

Bislang sehen die Strukturen innerhalb der Kirche vor, dass neue Projekte, innovative Start-ups irgendwann wieder zurückgeführt werden, in das System, dass sie dafür sorgen, dass sich die Kirchenbänke am Sonntagmorgen wieder füllen. Und was das für Innovation bedeutet, ist klar. Das Besondere an den beymeistern dabei ist, dass sie von Anfang an gesagt haben, sie wollen nicht neben dem System stehen, sie waren, sind und wollen Teil der Kirche sein. Kein Verein. Keine eigene Kirche. Kein soziales Projekt. Kein Zulieferer für einen normalen Sonntagmorgen-Gottesdienst. Kein Querulant. Kein Spalter. Kein Konkurrent.

Probleme lösen oder vertuschen

Es ist in Deutschland (anders als in England, wo die Initiativen sogar einen eigenen stimmberechtigten Platz auf den Synoden haben) nicht vorgesehen, dass solche Initiativen vollwertig Kirche sind. „Wir werden nach wie vor projektisiert. Und solange das passiert, ist die Chance auf einen Wandel in der Kirche gering“, gibt Sebastian Baer-Henney im Windhauch-Podcast zu bedenken. Denn das würde für die Kirchen bedeuten, sich einzugestehen, dass die eigene Arbeit doch nicht so erfolgreich ist, dass man selbst vielleicht gar nicht so relevant ist, wie man es gerne glauben möchte.

Klar, die beymeister könnten sich einfach in einen Verein verwandeln, sich als soziales Projekt deklarieren. Aber damit würden sie der Kirche auch ihr Problem nehmen. Es würde nicht die Frage klären, wie man Artenvielfalt innerhalb der Kirche leben kann, wie man innovative Initiativen innerhalb der Parochialstruktur zulassen kann. Es würde nicht die Frage beantworten, ob Kirche nur da sein kann, wo die Strukturen es erlauben.

Es würde die beymeister retten, die Kirche müsste sich nicht mit der Geldverteilung und den Strukturprozessen beschäftigen, aber es würde eben auch keine Probleme lösen. Es würde sie unter den Teppich kehren. Und da liegen schon so viele.

In der Kirche und außerhalb

Die beymeister sind nicht die Einzigen, die das betrifft. Sie sind die Lautesten. Von dem langsam sinkenden raumschiff.ruhr bekommt man gerade nur wenig mit. Und: Es werden andere folgen. Hoffnungsvolle Projekte und innovative Initiativen, die in eine Langfristigkeit und Eigenständigkeit überführt werden müssten. Ohne dass es dafür bisher Strukturen, Ideen oder Finanzen gäbe.

Miriam und Sebastian als Menschen hinter den beymeistern werden in der Kirche bleiben. Sie werden andere Jobs haben, werden in einer Gemeinde oder andere Gemeinschaft leben, sich irgendwie engagieren können. Aber diejenigen, die sie durch ihre Arbeit erreicht haben, die in Kirche ein Zuhause gefunden haben – und für die sie Verantwortung übernommen haben, werden wohl ohne die beymeister nicht in der Kirche bleiben.

Wachsen wollen

Keine Frage, an den eigenen Kern, die Selbstwahrnehmung zu gehen, tut weh. Das ist ein schmerzhafter und mitunter langwieriger Prozess. Aber nur so hat man die Chance zur Veränderung, zu Bestand, zu Wachstum.

Der Artikel entstand nach einem Gespräch mit Miriam Hoffmann von den beymeistern sowie nach dem Hören zweier Podcast-Folgen:

Frischetheke-Podcast, Corona-Special, Folge 7

Windhauch-Podcast (Midi), Folge 3

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk