9 Impulse zur Nachhaltigkeit von Initiativen und Eprobungsräumen

31. Mai

Im Süden von Salzburg baut der Verein „teilweise“ gerade eine Offene Jugendarbeit auf. Oliver Binder ist Mitgründer und derzeit noch einziger Angestellter (1/2 Stelle). Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was es braucht, damit Fresh-X nicht nur auf wenige Jahre angelegte Projekte sind, sondern wie eine Fresh X-Initiative in die Zukunft hinein bestehen kann.

Visionsentwicklung

Initiativen brauchen Zeit und Raum, um ihre Vision entwickeln zu können, ist Oliver überzeugt. Als Oliver und sein Team noch in der Entwicklungsphase waren, holten sie sich auf einer Reise durch Deutschland Inspirationen von anderen fx-Initiativen. Haben sich viel vernetzt, über ihre Ideen gesprochen und sich von ihrem Bischof die Erlaubnis geholt, scheitern zu dürfen. Besonders diese Erlaubnis, nicht irgendwann „fertig“ sein zu müssen, sich verändern zu können oder auch ganz neu anzufangen oder abzubrechen, hat ihnen die Freiheit gegeben, wirklich eine Vision zu entwickeln, erzählt Oliver.

Flexibilität

Nicht immer läuft alles so wie geplant. Manchmal schließen sich Türen und andere öffnen sich. Menschen gehen getrennte Wege. Ressourcen reichen nicht aus. Und das ist okay. Damit etwas tatsächlich widerstandsfähig ist und überdauern kann, muss es sich flexibel an sich ändernde Umstände anpassen können. In der Projektierungsphase hatten Oliver und Susanne Zippenfenig, die zweite Gründerin, zwei mögliche Standorte zur Auswahl. Letztlich es ist der Stadtrand von Salzburg geworden. Und das ist gut. Es ist gut, wie es ist.

Netzwerk

Rund 10% seiner Arbeitszeit investiert „teilweise“ in Netzwerkarbeit. Dabei ist es ihnen besonders wichtig, auch über den Tellerrand zu gucken und nicht nur in den eigenen Netzwerken unterwegs zu sein. „Gerade, wenn ich mit politischen Akteuren zu tun habe und mir neue Milieus erschließen will, muss ich da trittsicher und sprachfähig werden“, erklärt Oliver. Deshalb besucht er Polit-Diskussionen, beteiligt sich bei Stadtteilengagements, probiert Neues aus. Das braucht Zeit. Und die soll und muss man sich nehmen, findet Oliver.

Hier ist auch der Input durch andere super wichtig. Es bringt niemandem etwas, immer nur im eigenen Kontext zu bleiben. Die Suche nach (geistlicher) Inspiration ist wichtig! Ideen, Gedanken und Konzepte sollten frei im (z.B. Fresh X-) Netzwerk geteilt, durchgesprochen und geprüft werden können.

Luft

Oliver und sein Team hatten das Glück, dass sie eine Anschubfinanzierung, juristische Sicherheit durch die Gründung eines Vereins und aufgrund eines gewonnen Preises (österreichisch-evangelisch-innerkirchliche) Öffentlichkeit bekamen. Auch anderen Initiativen stehen für die Anfangszeit Gelder und Förderungen zu. Doch was kommt nach den ersten Monaten oder dem ersten Jahr? Wie können Landeskirchen oder Bistümer Fresh X-Initiativen oder Erprobungsräumen Luft verschaffen? Für Oliver ist es wichtig, dass die Kirchen neben finanziellen Mitteln auch mit Vertrauenskapital in die Initiativen investieren. Und dass es neben Vertrauen und Geld auch eine Begleitung gibt, Beratung in Strategieüberlegungen, Unterstützung in juristischen Fragen (welche (rechtliche) Form eignet sich), Öffentlichkeit und Perspektiven. Grundvoraussetzungen, damit Neues wachsen kann.*

(*Im Mai 2021 wurde in der EKÖ gerade der Prozess „Aus dem Evangelium leben“ gestartet, der dies von Beginn an mitberücksichtigt. www.evang.at/ael )

Zeit

Daneben brauchen Initiativen Zeit, um sich entwickeln zu können. Und sie brauchen die Perspektive, diese auch zu haben. „Fünf bis sieben Jahre brauchen Initiativen, bevor man sagen kann, ob sie ‚erfolgreich‘ sind, in dem was sie tun oder nicht“, erklärt Oliver Binder. Zeit, die vielen Initiativen nicht zugestanden wird. Es werden (falsche) Erwartungen an sie herangetragen, dass sie so schnell wie möglich auf eigenen (finanziellen) Füßen stehen sollen, dass sie soundso viele Leute fest an sich binden sollen oder dass sie möglichst bald in bestehende Parochialstrukturen überführt werden sollen. Also besser klären Großkirchen und neue Initiativen vorher ihre Erwartungen, Wünsche, Ziele und Zeitvorgaben, ist Oliver überzeugt.

Motivation

Am Anfang sprüht jedes Team nur so vor Motivation. Doch irgendwann ist es ganz normal, dass das Feuer nicht mehr ganz so heiß lodert wie zu Beginn. Es kommt zu Konflikten, vielleicht zu Strategiewechseln, zu Ernüchterung. Gerade dann bräuchte es, wenn es nach Oliver geht, spezielle Angebote für Pionier:innen und Gründer:innen: Besondere Retreats, um aufzutanken. Begleitung, Superversion, Empowerment. Weiterbildungen, die explizit auf die Anforderungen nach der Gründungsphase ausgelegt sind. Dafür müssen Zeitinseln geschaffen werden, damit die Haupt- und Ehrenamtlichen die Angebote auch wahrnehmen können.

Orte

Jede Idee, jede Vision braucht einen Ort, einen Raum, um verwirklicht zu werden. Und nicht jede Initiative oder jedes Projekt braucht einen ganz eigenen Raum. Die Kirchen – gerade in Deutschland – besitzen viele Immobilien. Wie wäre es, wenn es ein kirchliches Immobilienportal gäbe, in dem freie Räume, komplette Gebäude oder bezugsfertige Etagen angezeigt würden? Junge frische Initiativen würden sich so lange Suchen und hohe Maklergebühren sparen. Gemeinsame Nutzung könnte vernetzen und im wahrsten Sinne des Wortes Raum für Begegnungen schaffen.

Gemeinschaft

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ – besser geht’s im Team und in aufrichtig gelebter Gemeinschaft. Gründer:innen und Pionier:innen sollten keine Scheu davor haben, sich mit anderen Initiativen ehrlich auseinanderzusetzen. Klar ist man in einer Konkurrenzsituation, „kämpft“ um Fördermittel, Perspektiven und (rechtliche, kirchliche, …) Anerkennung. Aber man sitzt vor allem im selben Boot, kann andere vor Fehlern bewahren, die man selbst gemacht hat, Tricks verraten, die einem selbst weitergeholfen haben und gemeinsam überlegen, wie man es angehen kann.

Aber auch der Kontakt zu Parochialgemeinden und der Diakonie in der Umgebung sind wichtig und mitunter bereichernd. Vorbei sollten die Zeiten sein, in denen man sich bewusst von Kirchen oder der Diakonie und deren Strukturen abgrenzt (dies gilt auch umgekehrt für Diakonie und Kirchen mit ihrer Sicht auf fx und Initiativen). Viel spannender ist es doch, Gemeinsamkeiten zu entdecken, Unterschiede anzuerkennen und zusammen Gottes Reich zu bauen, ist sich Oliver sicher.

Feste feiern

Feiert! Feiert, was das Zeug hält. Oliver selbst hält sich gar nicht so für den Partytypen, aber er hat den letzten zwei Jahren den Wert des Feierns erkannt. Feiert Meilensteine, Zwischenschritte, große und kleine Erfolge, Einweihungen, Gottesdienste, Stadtteil- und Vereinsfeste, … Feiert als Team, als Fresh X, gemeinsam mit anderen. Feiert das Leben, lautet deshalb sein letzter Impuls an alle Gründer:innen und Pionier:innen in Fresh X-Initiativen, Start-ups oder Erprobungsräumen.


Dieser Text entstand zusammen mit Oliver Binder von teilweise e.V. „teilweise. Verein zur Förderung Offener Jugendarbeit im Salzburger Süden“ wurde im Herbst 2019 von Oliver Binder und Susanne Zippenfenig gegründet. Seit Februar 2020 hat der gemeinnützige Verein einen Raum als Kinder- und Jugendtreff gestaltet. Seit Herbst 2020 ist er von der EKÖ als Evangelischer Verein anerkannt, sie finanziert für drei Jahre eine halbe Personalstelle.

Dreimal wöchentlich ist „Offener Betrieb“. AGs, Projekte und mobile Angebote ergänzen dies. „teilweise“ versteht sich als sozialräumlich orientierte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Ziel ist es, ihnen Raum und Zeit gegeben wird – zum Sein und Tun und Lassen. Motivation ist die gute Nachricht dessen, der gesagt hat: „Was willst du, was ich dir tun soll?!“ (Jesus Christus) Möglicherweise entsteht im Umfeld eine neue Form von Jugendgemeinde. Aktuell erreicht „teilweise“ monatlich ca. 30-40 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Kontakt:

https://teilweise.or.at

Leitmeritzstraße 6 | A – 5020 Salzburg

Bankverbindung: Verein teilweise | Raiffeisenverband Salzburg | BIC: RVSAAT2S | IBAN: AT67 3500 0000 9301 9099

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk