Gottes Menschwerdung im menschlichen Kontext

25. März

Krieg in Europa, weltweite Fluchtbewegungen, Hunger, Angst vor atomarer Bedrohung, Pandemie: Wie spricht man in diesem Jahr von Gott? Angesichts der weltpolitischen und sozialen Lage auf unserem Globus fehlen mir derzeit oft die Worte, um von einem gütigen, allmächtigen Gott zu erzählen. Aber ist das nicht unser Auftrag – unsere Sendung als Kirche: Die gute und frohe Botschaft vom heranwachsenden Reich Gottes zu verbreiten? Die Zusage, dass Gott unter uns ist – Mensch gewordene Liebe. Dass es deshalb Hoffnung gibt, gerade für die Leidenden, Trauernden, Hungernden.

Ich bin sicher: Gott wird Mensch – jeden Tag. In U-Bahn-Stationen, in denen Kinder geboren werden. Auf den Wegen, die in die Sicherheit führen. In Kleiderkammern und Notunterkünften.

Bedürfnisse im Blick

Dort geschieht das, was wir als Inkarnation bezeichnen. Menschwerdung. Dort erzählt Gott sich selbst. In seinen Worten und unserer Sprache. In den letzten Wochen habe ich in vielen kleinen und großen Geschichten genau das wahrgenommen: Die Pfarreien in unseren Bistümern und Landeskirchen zeigen sich als Netzwerke von liebevollen und großzügigen Menschen, die hilfs- und spendenbereit das Wohl der Anderen in den Blick nehmen, an gesellschaftlich relevanten Fragen mitdenken und sich aktiv einbringen. Innerhalb weniger Tage wurden Unterkünfte renoviert und für Menschen hergerichtet, die aus der Ukraine zu uns nach Deutschland geflohen sind, Kleider- und Sachspenden wurden gesammelt und Transport-Kolonnen organisiert. Immer wieder hab ich von engagierten Freiwilligen und im Kolleg:innenkreis Geschichten voller Rührung und Dankbarkeit gehört, von ermutigenden Begegnungen und unerwarteter Unterstützung, neuen Netzwerken, Bekanntschaften und Beziehungen.

Was anderes könnte missionarische Pastoral sein, als Menschen mit ihren Bedürfnissen in den Blick zu nehmen? Was anderes könnte Mission anderes meinen, als Gottes Liebe einen Körper, eine Stimme zu geben?

Ein Grundgedanke der FreshX-Bewegung bewahrheitet sich dieser Tage an so vielen Orten und in so vielen Herzen. Indem wir uns einlassen auf die Bewegung Gottes zu den Menschen und im ganz Konkreten dabei mitwirken, wenn Gott Mensch wird, weil wir einander helfen, entdecken wir den Urgrund des Kirche-seins: „Start with the Church and the mission will probably get lost. Start with mission and it is likely that the Church will be found.“ (aus Mission-shaped Church, 2004, S. 116)

Ganz konkret und höchst relevant

Die vielen kleinen und großen Hilfsaktionen setzen eine ungeahnte Energie frei. Und ich glaube, das ist ganz logisch: Inkarnation ist immer konkret. Gott wird Mensch an einem konkreten Ort, zu einer konkreten Zeit: in Heimatlosen, Friedenstifter:innen und Menschen, die Fremde willkommen heißen. Indem wir zu Friedengebeten aufrufen, Kleiderspenden und Sprachkurse organisieren, Wohnraum herrichten – steigen wir ein in Gottes Bewegung zu den Verängstigten, Heimatlosen und Trauernden dieser Zeit. Wir erleben mit, wie Gott Mensch wird. Ganz konkret und höchst relevant. Hier entdecken wir auch uns selbst – als Gemeinschaft um Jesus Christus. Hier entstehen neue Netzwerke und Beziehungen. Hier wächst Gemeinschaft und Kirche erkennt sich selbst – vielleicht überrascht – in neue Formen.

Aus diesen Erfahrungen, die zwar viel Kraft kosten, aber eben auch Energie freisetzen, sollten wir lernen. Sinn und Relevanz von Kirche finden wir in der konkreten Hinwendung zu Menschen mit ihren Bedürfnissen, Interessen und Notlagen. Die gute und frohe Botschaft vom heranwachsenden Reich Gottes verbreiten wir am kraftvollsten wenn wir Gottes Menschwerdung, seine Inkarnation in unseren Kontext, miterleben. Dann sprechen wir von Gott, erfüllen unseren Auftrag als Kirche und sind Teil der Sendung Gottes in diese Welt – und auch in diesem Jahr.

Sammeln und senden

Sammlung und Sendung sind für mich zu zentralen Begriffen der Kirchenentwicklung geworden. Ich entdecke in ihnen ein Beziehungsgeschehen, Gemeinschaft und Jesus Christus und Nähe – genauso aber auch relevantes Tun, Einsatz für diese Welt, Mission – also Erfüllung unseres Auftrag und Anteil an der Bewegung Gottes in diese Welt.

Über Sammlung und Sendung möchte ich an dieser Stelle in den nächsten Monaten schreiben und gerne mit dir zusammen nachdenken; ich freu mich über Rückmeldungen und Reaktionen.

Felix Goldinger