Heilige Fragmente im Neu-Anfang

09. Februar

Tabula rasa. Alles neu. Von vorn anfangen.

Wer‘s wagt, hat wahrscheinlich gerade sprichwörtlich Scheiße am Fuß. Job weg, Beziehung vorbei. Stress mit der Vermieterin. Mental Breakdown. Klinikaufenthalt, diesdas.

Scheitern. Schmerz. Wut – all das treibt an, es besser zu machen. Neu anzufangen. Bei Null. Damit bloß nix bleibt wie’s war. Ab jetzt ganz anders.

Das erzählt, warum Kirche meistens lieber bleibt als aufbricht. Warum sie so wenig Antrieb hat für Tabula rasa. Für‘s Lassen und Neuanfangen. Warum die Energie vor allem ins Bewahren fließt. ‚Weil’s für paar Menschen wirklich wichtig ist, dass wir damit weitermachen‘ und ‚weil‘s zu unserer evangelischen Identität gehört‘ und ‚weil‘ und ‚aber‘ und ‚das geht doch nicht‘.

Die Kirche nimmt sich nämlich gar nicht als gescheitert wahr. Nicht als Verletzte. Will nicht alles über Bord werfen, was mal war und hat Vieles aus der Vergangenheit so liebgewonnen. Bewahrenswert sogar. Stimmt ja auch.

Aber Aufbruch, Neuanfang, Tabula rasa ist nicht nur Reactio. Vielmehr kann’s Ausdruck sein von Schöpfer:innenkraft.  Vom Heiligen, das Sehnsucht in uns säht. Nach Progress. Nach Weiterziehen. Nach bei den Menschen Bleiben. Und so wird’s zur Actio. Zum Neuen in der Welt. Nicht als Antwort, sondern als Anfang.

Diese Kolumne dient dabei zum Exempel. Denn ich bin neu hier. Und mit mir noch drei Weitere. Gemeinsam lösen wir die ab, die bisher hier geschrieben haben. Nicht, weil sie gescheitert wären, weil niemand ihre Texte hätte lesen wollen. Auch nicht, weil ihnen nichts mehr eingefallen wäre oder weil’s für die Leser*innen keine Relevanz gehabt hätte. Ganz im Gegenteil.

Aber das erzählt von Actio statt Reactio. Vom Handeln aus der Sehnsucht nach Progress. Von Schöpfungskraft und heiligen Fragmenten.

So kann auch Kirche sein. Aufbrechen. Anfangen. Tabula rasa. Nicht als Negierung des Gewesenen. Sondern als Zeugnis dieser Schöpfungskraft. Aus Nachfolge, von Geist getragen. Und in jesuanischer Tradition, paradoxerweise. Denn Jünger:in wurde nicht, wer’s Leben vorher kacke fand. Sondern wen der Hauch vom Heiligen gepackt hat.

Tabula rasa. Bei Null anfangen. Das erproben seit vier Wochen auch die beymeister in Köln-Mülheim. Sieben Jahre nach der Gründung lassen sie jetzt das Bewährte hinter sich und wagen einen Neuanfang. Nicht, weil‘s vorher kacke war. Sondern weil sie die Fragmente vom Heiligen im Anfangen vermuten. Welche sie entdecken, davon werd ich hier berichten.

Janneke Botta

Pfarrerin