Heilige Unternehmer:innen?

17. Mai

Die frischen Formen von Kirche stellen zuweilen alles infrage. Manches davon ist spannend, anderes provozierend. Maria Herrmann fragt sich heute, wie es wohl wäre, Kasualien mal ganz anders zu vollziehen.

Würdest du deine Kinder von einer Café-Besitzerin oder einem Fitness-Coach taufen lassen?

Ich arbeite aktuell an der Übersetzung einer Studie mit, die niederländische Kolleg:innen im Bereich der Fresh Expressions gemacht haben. Dabei untersuchen sie Gründungen, die zugleich einerseits neue Formen von Kirche und andererseits auch ein wirtschaftlicher Betrieb sind. Es sind Brauereien, Cafés, Fitnessstudios, aber auch Coworking-Spaces und andere Gründungen, die soziales Entrepreneurship verkörpern. Mit ihnen beginnen neue Gemeinschaften zu entstehen, Beziehungen wachsen und Nachfolge Jesu Christi entwickelt sich in ihrer ganz eigenen, kontextualisierten Form. Tausend Dinge gibt es in diesem Zusammenhang, die inspirieren und natürlich auch herausfordern und provozieren.

Im Zusammenhang mit der Studie ist ein Begriff aufgetaucht, dem ich vorher noch nicht begegnet war: Die Rede war von Menschen, die biographisch mehreren Berufungen folgen – sie sind »covocational«. Sie leiten diese neuen Formen von Kirche, die gleichzeitig eben auch Gründungen im weltlichen Sinn sind. Sie sind Teil des eines wirtschaftlichen Unternehmens, und gleichzeitig auch geistlich Leitende.

Diese Idee geht einem Verständnis von Berufung auf die Spur, das eine wichtige, alte theologischen Idee wieder entdeckt: Diese hinterfragt eine scharfe Trennung von weltlichem und heiligem Bereich. Und sie hilft religiöse Praxis wie z.B. Bibelstudium, Gebet und Gottesdienst, enger mit der Lebenspraxis zu verknüpfen. Essen, Arbeiten, Entspannen, aber auch etwas für den eigenen Körper tun, lässt sich immer auch theologisch deuten.

Und nicht erst seit diesem Übersetzungsprojekt frage ich mich, ob ein Schlüssel für neue Formen von Kirche nicht das Vermehren und Vergrößern von augenscheinlich Heiligem ist, sondern das Einüben in vermeintlich Weltliches. Übertragen müsste das dann auch heißen, nicht (nur) die Ausbildung für Geistliche rein auf das Heilige anzupassen und zu verbessern, sondern bewusst Menschen mit anderen Berufen mit geistlicher Leitung zu betrauen und fördern.

Vielleicht hilft es bei einer solchen Fragestellungen wirklich einmal ganz ehrlich zu fragen, ob Menschen nicht wirklich lieber ihre Kinder von ihrer Lieblingscafé-Besitzerin oder ihrem Fitness-Coach taufen lassen würden, als von einer Pastorin oder einem Pfarrer, zu denen sie keinen Bezug haben.

P.S. Mehr über die niederländische Studie findest du bald hier auf der Website.

Maria Herrmann

Referentin für Strategische Innovation in der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim