Hoch hinaus und sicher gebunden

12. August

Baumhaus-Camp – ist das Campen in einem Baumhaus oder was muss man sich darunter vorstellen?

Im Baumhauscamp bauen wir innerhalb von 10 Tagen mit Jugendlichen ab 14 Jahren ein Baumhaus. Wir haben das Ziel ein bewohnbares Baumhaus zu bauen in dem wir schlafen, essen und feiern. Wir wollen das ‘Abenteuer des Sommers’ erleben.

Den ganzen Tag bauen wir, unterbrochen durchs Essen von unserem fantastischen Küchenteam. Während des Bauens geht es um erlebnispädagogische Reflexion- und Transferprozesse. Will heißen: Wir ermutigen Jugendliche mit Kopf, Herz und Hand zu lernen. Dass sie das, was sie erleben, Metaphern sind und die Geschichten, die sie erleben, in Zusammenhang mit ihrem sonstigen Leben bringen. Also wenn wir den Lebenswert ‘Vertrauen’ thematisieren, stellen wir Fragen wie: „Warum konntest du hier vertrauen? Wer hat dir vertraut? Woher hast du das Selbstvertrauen genommen, in 15 Metern Höhe plötzlich deine Höhenangst zu überwinden.“ Im Transfer fragen wir dann: „Was hat das mit deinem Leben zu Hause und außerhalb des Camps zu tun? Wo und wie kannst du das, was du hier gelernt hast an anderen Stellen sehen oder anwenden.“ Und dann ist natürlich auch die Frage: „Wie kannst du das mit diesem Glauben an Jesus Christus in Zusammenhang bringen? Wie kannst du ihm vertrauen?“ Wir machen die Erfahrung, dass durch den Ansatz junge Menschen ins Nachdenken kommen über ihr Leben, ihre Beziehungen und ihren Glauben. Wir bieten an, dass der christliche Glauben eine neue Tiefendimension eines ‘Lebensabenteuers’ sein kann. Und wir erreichen Jungs und Mädchen gleichermaßen und jeder Herkunft. Es ist ein Abenteuer und für viele geht ein Kindheitstraum in Erfüllung: Einmal ein Baumhaus bauen und drin übernachten.

Wie kamst du auf die Idee?

Ich habe 2008 auf dem europäischen YMCA-Festival in Prag ein Praktikum gemacht und Sam Brünggner von Outdoortech und dem CEVI Schweiz kennengelernt und gesehen, dass sie so coole Sarasaniezelte und Baumhäuser bauen. Mit dem CVJM Baden ist die Sehnsucht entstanden: „Das wollen wir auch bei uns in Baden“. Dann sag ich immer: Ich hab von uns Dreien das kürzeste Streichholz gezogen und durfte Kontakt aufnehmen. Über einen Schulungs-Workshop und jahrelanges Bauen kleinerer Baumhäuser auf dem MaxxCamp ist eine größere Vision entstanden. Und mit meiner ersten Stelle als Jugenddiakon haben wir ein großes Baumhauscamp für konfirmierte Jugendliche aus Karlsbad und Langensteinbach initiiert. Über die Freundschaft mit der Schweiz ist alles weiter gewachsen und wir haben das Baumhauscamp in Deutschland etabliert. Dieser Weg war begleitet von viele Wundern und offene Türen. Mittlerweile haben wir einen eigenen Arbeitsbereich im CVJM Deutschland und ein Treehousecamp-Netzwerk, das der Multiplikation und dem Zusammenhalt der Bewegung dient. Wir haben in 10 Jahre nun 15 Baumhauscamps gegründet. Und es geht noch weiter …

Was gefällt dir an dieser Art der Freizeit am besten?

Wir sind draußen und da ganz unmittelbar. Hier begegnen wir uns selbst, der Schöpfung und Gott ganz anderes. Am Lagerfeuer entstehen aufrichtige und echte Gespräche. Der gemeinsame Bau schweißt zusammen. Keiner kann allein. Einer ist auf die anderen angewiesen. Jeder braucht den anderen. Die Vision von einem bewohnbaren Baumhaus wird nur zusammen und mit Gottes Hilfe Wirklichkeit. Außerdem kommt es im Wald aufs Wesentliche an. Das Thema ist Einfachheit.: kalte Duschen, Feuer, kein Spiegel, kein Strom, kein Handy, kein Computer. Dafür handgemachte Musik, leckeres Essen bei dem jeder und jede mit anpackt, Gemeinschaft. Mit Schlachtrufen und vielen Sprüchen. Der Wald als Gottes Schöpfung macht uns zu anderen Menschen. Unser Leitspruch ist:

„Warum gehst Du in den Wald“, fragte der Vater. „Um Gott zu suchen“, antwortete der Knabe. „Aber – ist Gott denn nicht überall?“ „Er schon“, sagte das Kind, „aber ich bin nicht überall derselbe“. (Elie Wiesel)

Im Frischetheke-Podcast hast du gesagt, dass du Gott vor allem in der Natur, im Wald erlebst. Gilt das auch für die Zeit der Baumhauscamps?

Ja so ist es. Wie gerade schon gesagt. Der Wald mit seinen Wegrand-Geheimnissen, seinen Tieren und Pflanzen, seinen Munkel-Höhlen, all den Glühwürmchen und Wetterphänomenen spricht zu uns. Vor allem in ‘Wegrand-Metaphern’. Unaufdringlich lenkt er unseren Blick auf Werden und Vergehen. Auf Diesseitigkeit und Ewigkeit. Auch Wachsen und Frucht. Auf Aussicht und Weite. Auf finstere Täler. Im Wald sind wir anderen. Weil das Lagerfeuer die Sehnsucht nach eine Mitte anspricht wird hier gesungen und gelacht. Im Schatten der Nacht auch mal geweint. Hier werden Freundschaften geschlossen. Hier entstehen Abenteuergeschichten und hier wird Mut zu Heldentum. Hier kann man beten und danken. Hier kann die Narbe eines Asts zum Symbol werden für die Narben unserer Seele. Im Wald sind wir andere. Und wir sind Gott, dem Schöpfer und der Schöpfung, so viele näher als ‘draußen’ in der Zivilisation.  

Trotzdem baut ihr euch da nichts Bleibendes, sondern nach Fertigstellung des Plateaus wird es direkt wieder abgebaut. Wozu dann das Ganze?

Es geht um den Prozess. Das, was wir in den Herzen der jungen Menschen bauen, ist das Wesentliche. ‘Wir haben hier keinen bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir …’ (Hebräer 13,14) Das ist eine tiefe Wahrheit. Das, was uns prägt, macht uns aus. Das, was in uns ist, kann uns keiner nehmen. Auch an Hoffnung und Glauben. Wir wünschen uns so sehr als Mitarbeiterteam, als #Baumhauscmpfamily, dass junge Menschen verändert werden. Dass sie ihre Werte reflektieren. Lebens- und Glaubensentscheidungen treffen. In heilsame Welten eintauchen. Freundschaften fürs Leben knüpfen. Wenn Gott will auch mit Jesus Christus. Das ist das, was bleibt. Eine ‘Kirche in unseren Herzen’. Nicht aus Stein, sondern in Kraft und Lebendigkeit. Dieser Prozess des Bauens und Loslassens, des Konstruierens  und der Dekonstruktion sind es, die das Baumhauscamp so besonders machen. Jeder ahnt: Es kommt auf die Beziehungen an. Die werden geprägt durch den Bau. Klar. Aber der wesentliche Bau ist die ‘Charakterschule unseres Herzens’. Vom Baumhauscamp sind Männer und Frauen groß geworden, die in vielen Vereinen und Gemeinden mittlerweile Vorstände sind. Sie übernehmen Verantwortung. Sie sind mutig und kreativ. Finden neue Wege. Sind unkonventionell und prozessorientiert. Das Baumhauscamp atmetet eine DNA, die mit einem der ersten Zitate gut zu beschrieben ist, das ich damals auf einen Flyer gedruckt habe zur Mitarbeiterfindung:

„Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.” (George Bernard Shaw)

Wieviel Potential im Baumhausbau liegt, erkennt man daran, was alles draus geworden ist. Wir haben über unsere Arbeit im Wald die Kooperation mit der Stiftung Schönau ein altes Forsthaus Michelbuch gepachtet, das wir zum wald- und erlebnispädagogischen Zentrum umbauen. Ein Zuhause des Glaubens und der Erlebnispädagogik für christliche und schulische Kinder- und Jugendarbeit. Wir bauen gerade eine Waldkapelle ‘Scheschina’ als Ort der Stille und des Gebets mitten im Wald. Und wir wirken missionarisch in die Region mit zwei erlebnispädagogischen Abenteuer-FSJ Stellen. Wir dienen den Gemeinden und arbeiten an Kirche im Wald. Seit ein paar Wochen sind wir ‘YChurch. Wilde Kirche Michelbuch’ und wollen schöpfungs- und menschenorientierte Heimat sein im christlichen Glauben. Wir machen Konfirmandencamps mit 120 Konfirmandinnen und Konfirmanden, feiern monatliche Waldgottesdienste und Lagerfeuer-Worship mit Jugendlichen aus den Orten. Wir sammeln Frauen und Männer und haben dieses Jahr noch ein neues Camp begonnen mit dem CVJM Baden: das BaumhausKids. In dieser Kreativität steckt eine Menge Potential vor allem im Blick auf die Menschen vor Ort. Den für die wollen wir und immer wieder aufmachen.

Ein Leitwort von mir als Gründer steht in Jesaja 54,2: ‘Mache den Raum deines Zeltes weit und breite aus die Decken deiner Wohnstatt; spare nicht! Spann deine Seile lang und stecke deine Pflöcke fest!’ Diese Zusage Gottes ermutigt immer nochmal aufzubrechen. Gott mehr zuzutrauen, als ich mir selbst zutraue. Mit seinem Wunderwirken zu rechnen. Diese Verheißung ermutigt mich, größer zu glauben, tiefer zu sehen und mutig weiter aufzubrechen. Mit Kirche. Und ganz persönlich. Im Baumhaus, Forsthaus oder TinyHouse. Und da draußen, in der Wildnis, erleben wir: Gott ist schon da. Er wirkt längst und baut an seinem Reich. And wir können Teil davon sein, von Gottes #movingforward in den Wald von Michelbuch.

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk