Kirchenzukunft: Vom Wollen und Lassen

29. November

Jetzt sitz ich hier in Ludwigsburg und muss nicht mehr ganz von vorne anfangen. Seit ein bisschen mehr als zwei Monaten bin ich auf meinen neuen Stellen. Doch eine Beobachtung hat sich seitdem nicht verändert. Es ist die Konstante, die sich immer wieder bewahrheitet. Die sich hartnäckig hält und oft trotz besseren Wissens dasteht:

Wir können Dinge nicht lassen!

Es geht mir dabei nicht um die bekannten Sätze wie “Das haben wir aber immer schon so gemacht” oder “Never change a running system”, sondern darum, dass wir so schwer das loslassen können, was etabliert ist, aber bei näherer Betrachtung nicht mehr funktioniert. Im Austausch mit Kolleg:innen (die im gleichen Projekt mit jungen Erwachsenen wie ich) als Pioniere:innen unterwegs sind, wurde es nochmal besonders deutlich.

An allen unseren Stellen gibt es denselben großen Schmerz: Wir sind als Landeskirche nicht mehr relevant für junge Menschen. Sie fehlen uns. Aber wir fehlen ihnen nicht.

Es wird ein Wunsch formuliert: Wir wollen wieder für diese jungen Menschen relevant sein.

Wir kommen zusammen in unseren Dienstbesprechungen und Foren. Sprechen über Beziehungsarbeit und Befragungen, Pop up-Church und darüber, dass Kirche mehr in die Öffentlichkeit muss. Und dann …

Dann stellen wir die alles vernichtende Frage mit der vorprogrammierten Antwort: Wer machts? Wer hat Zeit und Ressourcen dafür?

Niemand. Wir sind bis oben hin voll mit Verwaltung, mit dem was schon da ist, mit Predigtgottesdiensten und Abendgebeten, Kasualien und allem was sonst noch dazu gehört. Dass sich da Innovatives und Neues dagegen durchsetzt, ist wie eine Pflanze zu kaufen, nicht zu gießen oder zu düngen und trotzdem zu hoffen, dass etwas blüht.

Ich will niemandem bösen Willen unterstellen und kann die Spannung sogar nachvollziehen: das bewahren, was man (noch) hat, anstatt riskieren zu scheitern. Aber einfacher wird es eben nicht, auch wenn ich mir das manchmal sehnlichst wünsche.

Trotzdem will ich beginnen: Es zu meiner Ressource machen und mir Zeit nehmen. Zeit zu fragen und zu hören, was es braucht. Darauf zu achten, nicht Antworten auf Fragen zu geben, die niemand stellt. Ich will nicht betriebsblind werden, sondern immer wieder fragen: Wo ist Zeit und Raum für das andere? Ich will gießen und düngen, damit sich Neues etabliert.

Daniel Faißt