Mit Jesus in den Ritzen der Gesellschaft

13. April

Dr. Michael Moynagh gilt als einer der Väter der Fresh X-Bewegung. Doch seine Ansichten über Jüngerschaft im 21. Jahrhundert, die Mission von Kirche und praktische Liebe sind nicht überholt oder altväterlich, sondern immer noch innovativ und fresh.

Was mögen Sie am meisten an der Kirche?

Ich liebe an der Kirche, dass sie tatsächlich dazu berufen ist, Gottes Mission auszuführen! Durch die Kraft des Geistes Beziehungen, Verhaltensmuster, letztlich die ganze Gesellschaft zu verändern und heilsam auf unseren ganzen Planeten einzuwirken. Die Kirche ist das Medium, das Gott für diese Veränderungs-Mission gebraucht, und das macht Kirche liebenswert.

Ist das aus Ihrer Sicht auch eine ganz typische Eigenschaft der Kirche?

Nein, aber wenn ich es irgendwo wahrnehme, dann finde ich das richtig toll. Manchmal lässt es sich in kleinen Initiativen in Gemeinden vor Ort finden, manchmal mehr auf regionaler Ebene. Ganz besonders sehe ich es in anderen Ländern, wenn Kirche an Stellen hilft, wo materielle Armut herrscht.

Was vermissen Sie am meisten in der Kirche?

Wenn sie nicht missional aufgestellt ist, dann fehlt aus meiner Sicht etwas. Aber es fehlt auch etwas, wenn Leute, die nichts weiter mit der Kirche zu tun haben, feststellen, dass die Kirche für sie außer Reichweite und eben nicht zugänglich ist. Alle diese Menschen wären vielleicht mit dabei, wenn die Kirche nicht so in der Liebe ihnen gegenüber versagen würde. Und so fehlen sie eben, und deswegen vermisse ich zwangsläufig auch all diese Leute.

Was ist die größte Herausforderung innerhalb der Kirche?

Jede Gemeinde ist in der einen oder anderen Hinsicht exklusiv, sie schließt etwas oder jemanden aus. Das liegt in der Natur der Sache. Eine bestimmte Uhrzeit, ein bestimmter Ort, wann und wo man sich trifft. Ein bestimmter Stil und Ablauf – diese Faktoren werden einige Leute anziehen, aber gleichzeitig schließt man die aus, die zu der bestimmten Zeit nicht an den bestimmten Ort kommen können, alle, denen der Stil nicht gefällt, die Predigt oder all die Leute, die gar nicht die Sehnsucht nach so etwas wie einem Gottesdienst teilen. Und das ist ein echtes Problem für die Kirche, denn wir möchten im Gottesdienst ja Gott feiern, und Gott ist inklusiv. Und dann feiern wir Gottes Inklusivität auf eine für andere Leute nicht inklusive Weise. Und damit ist gelebte Inklusivität die Haupt-Herausforderung für die Kirche.

Wie können wir darauf richtig reagieren?

Meiner Meinung nach ist die einzige Antwort darauf: Indem Kirche neue Formen von christlicher Gemeinschaft mit und mitten unter Leuten hervorbringt, für die die real existierende Kirche unzugänglich ist. Es gibt somit aus meiner Sicht für die Kirche keinen anderen Weg zu mehr Inklusivität, als neue Gemeinden und Gemeinschaften hervorzubringen. Hierin liegt meiner Meinung nach die größte Herausforderung für die Kirche.

Welche Frage sollte die Kirche sich unbedingt stellen?

Die wichtigste Frage ist: Wer ist hier NICHT beteiligt? Wen erreichen wir NICHT, wem dienen wir NICHT? Wer sind die Leute, die NICHT bei unseren Veranstaltungen auftauchen? Und dann folgt daraus die andere Frage: Wie können wir sie lieben, und zwar so, dass es auch ankommt? Mit wem stehen wir noch nicht in Beziehung und wie können wir das ändern und genau diesen Menschen Liebe bringen? Wie können wir sie dann auch mit dem Evangelium erreichen?

Warum müssen Kirche und die Jünger Jesu „mit beiden Flügeln fliegen“? Bitte er­klären Sie dieses Bild, das Sie schon öfter gebraucht haben, etwas genauer.

Als Jesus mit seinen Jüngern zusammen war, lehrte und bildete er sie aus. Aber er tat das auf zweierlei Art. Es gab Zeiten, da zog er sich mit seinen Jüngern zurück, um sie zu unterrichten, und zu anderen Zeiten lehrte er sie etwas mitten im Alltag. Es gibt also einen eher vom sonstigen Umfeld zurückgezogenen Weg und einen sehr mit der Lebenswelt verknüpften Weg, und beide haben ihre Berechtigung. Wir leben aber in der Kirche oft zu einseitig den Weg der Zurückgezogenheit. Wir klinken uns am Sonntag aus unserem üblichen Umfeld aus, um zur Kirche zu gehen, und dann oft noch unter der Woche für einen Hauskreis oder sonstige Veranstaltungen. Dabei sind wir immer irgendwie unter uns, zurückgezogen von unserer Lebenswelt statt engagiert inmitten unserer Lebenswelt. Tatsächlich ist es legitim, wenn ein Teil der Jüngerschaftsausbildung in der Zurückgezogenheit stattfindet. Aber wir brauchen ebenso den Weg des Engagements innerhalb der Lebenswelt in der Jüngerschaftsausbildung. Und das ist eben genau da, wo sonst auch das Leben stattfindet. Ich nenne das immer eine „Jüngerschaft fürs 21. Jahrhundert“.

Was meinen Sie damit genau?

Indem wir den Leuten um uns herum zuhören, können wir leicht umsetzbare Möglichkeiten finden, sie zu lieben. Wir bauen mit diesen Menschen Beziehungen auf, und wenn sich dann die Möglichkeit ergibt, das Evangelium mit ihnen zu teilen, dann tun wir das auch. Und wenn Menschen für sich den Glauben annehmen, dann sollte auch die Ermutigung für sie da sein, eine Gemeinde zu sein, da wo sie sind, die Gottesdienste feiert und als Kirche im Kleinen auch in Verbindung mit der Kirche als größerem Ganzen steht. So entstehen viele Mini-Kirchen in alltäglichen Kontexten, die alle mit einer größeren Gemeinde oder Kirche in Verbindung stehen. Als Christen haben wir manchmal eine recht lahme Vorstellung von Liebe. Wir denken, Liebe sei so etwas wie zum Beispiel ein nettes, höfliches Gespräch miteinander zu führen. Aber im Kontext einer Familie bedeutet Liebe viel mehr. Hier ist die Liebe oft am Organisieren: Die Kinder müssen zur Schule, das Abendessen muss hergerichtet werden. Man will als Familie mal gemeinsam was Schönes unternehmen oder in den Urlaub fahren. Egal, ob eine Geburtstagsfeier oder ein Wochenendausflug – das muss alles irgendwie organisiert werden. Und da ist die Liebe am Werk.

Was bedeutet das für Gemeinden?

Als Kirche können wir ganz praktisch in unserem direkten Umfeld etwas Brauchbares auf die Beine stellen. Wir müssen diese Wege herausfinden, wie die Liebe zu Menschen in unserem Umfeld ausgedrückt werden kann, wir dürfen Beziehungen aufbauen und unseren Glauben, die gute Botschaft teilen, und sie dann ermutigen, ihre Gemeinschaft in ihrem Lebenskontext aufzubauen und sich mit der Kirche als Ganzem zu ver­netzen. Wir müssen Jesus in die Ritzen der Ge­sellschaft folgen. Und wenn wir das tun, dann ist das wirklich ein Jüngerschaftsprogramm, das diesem Namen auch gerecht wird.

Lieben — wie kann das praktisch aussehen?

Sie könnten am Montagmorgen eine Tüte Croissants für Ihre Kollegen mitbringen, das könnten Sie gemeinsam mit einem Freund tun – das ist ein praktischer Liebesbeweis. Und dabei werden Sie vielleicht mit Ihren Kollegen ein paar Worte wechseln, und damit bauen Sie schon Beziehung. Im Kontext dieser Beziehungen können Sie dann auch Ihren Glauben thematisieren, Ihre Erfahrungen mit Jesus. Und wenn Leute sich mit Jesus auf den Weg machen, dann begleiten Sie die Gründung einer kleinen gottesdienstlichen Gemeinschaft vor Ort, am Arbeitsplatz, und die Anbindung an eine größere kirchliche Gemeinschaft. So etwas ist engagierte Jüngerschaft. Das ist Formung im christlichen Glauben für heute.

Was bedeutet das für die Kirche als Gemeinschaft?

Es gibt auch im Alltag keinen direkteren Weg, als gemeinsam mit anderen Christen Mission zu betreiben. Das geistliche Wachstum kommt nicht davon, im Hauskreis zu sitzen, die Bibel zu studieren und das Erkannte dann nicht im aktiven Handeln auszudrücken.

Es stellt sich vielmehr ein, wenn du dich mit anderen Christen für eine Mission zusammentust, mit Jesus, in deinem Alltag. Wenn du das tust, dann wirst du für Leute beten. Du wirst nach praktischen Wegen suchen, sie zu lieben. Du wirst ihnen ganz praktisch helfen. Du wirst Geduld lernen müssen, und auch andere Früchte des Geistes wirst du kennenlernen, wenn du andere Leute liebst und ihnen dienst. Das ist dann geistliches Wachstum. Deswegen sage ich: Ja, die Zurückgezogenheit hat auch ihre Berechtigung, aber wir brauchen darüber hinaus auch den aktiven Weg, neue Jünger für Jesus zu gewinnen.

Sie haben ein Buch mit dem Titel „Church For Every Context“ geschrieben: „Kirche für jeden Kontext.“ Was bedeutet das? In welchem Teil der Gesellschaft wird die Kirche heute gebraucht?

Die Kirche hat das Problem, dass sie hauptsächlich ihren Fokus darauf hat, wo die Menschen wohnen, also im Sprengelprinzip eines Wohngebietes denkt. Als sich aber das Leben mehr auffächerte, blieb die Kirche sozusagen am örtlich umrissenen Sprengel hängen und kam nicht mit den Leuten auf die Arbeit, zu ihren Freizeitaktivitäten und so weiter, und bis auf ein paar Ausnahmen hat die Kirche bis heute in diesen Bereichen keine nennenswerte Präsenz. Wenn heute jemand eine Kirche am Arbeitsplatz startet, eine christliche Gemeinschaft für Radfahrer, für Fotografen, für Wohnungslose oder für Tafel-Besucher, dann bringt das die Kirche und damit Jesus zurück in diese Facetten des Alltagslebens. Wenn Jesus Herr von allem und allen ist, dann ist er doch auch Herr über alle Teile unseres alltäglichen Lebens. Und Fresh X versucht genau das sichtbar zu machen und bringt Kirche wieder in all diesen unterschiedlichen Teilen des Lebens ins Spiel.

Theologisch bedeutet dies?

Es gibt keinen Aspekt der Welt, in dem Jesus nicht mit enthalten wäre. Und genauso gibt es keinen Teil der Lebenswelt, in dem die Kirche nicht irgendwie präsent sein kann. Und wenn wir in allen diesen Lebenswelten mit ihren vielen Facetten da sind, dann machen wir darin Jesus für die anderen Leute sichtbar. Wenn zwei oder drei Personen sich verbünden und beginnen, andere zu lieben, und meinetwegen einen Kurs für Fotografie anbieten, dann werden andere Leute uns Christen dabei sehen, und in uns können sie die Liebe Gottes sehen.

Was bedeutet das für die Kirche?

Theologen reden über die sichtbare und die unsichtbare Kirche und wenn sie über die unsichtbare Kirche reden, dann hört sich das manchmal so an, als ginge es um das Wirken von Gottes Heiligem Geist innerhalb der Kirche. Aber man kann das auch anders verstehen. Viele Christen leben verstreut ihr Alltagsleben, aber dabei handeln sie nicht koordiniert, sie lieben nicht gemeinsam, und damit sind sie unsichtbar. Die Kirche ist aber eben auch unsichtbare Kirche. Und wenn wir zusammenkommen und Liebe leben, Beziehungen zu anderen Menschen bauen, das Evangelium mit ihnen teilen, ihnen helfen, eine Gemeinschaft zu bilden und gemeinsam Gott zu feiern, dann wird eben diese unsichtbare Kirche des Alltagslebens sichtbar. Und das ist eine wichtige Sache!

Wofür brauchen wir FFF — Fresh X For Future?

(lacht) Ja, das ist eine sehr gute Frage: Also, wir brauchen sie auf jeden Fall und das versuche ich ja verständlich zu machen, denn in der Fresh Expression For Future, in diesen kleinen christlichen Gemeinschaften, im alltäglichen Leute-Lieben, darin teilen wir das Evangelium. Und wenn jemandem der Einsatz für soziale Gerechtigkeit oder gegen den Klimawandel ein Herzensanliegen ist, dann kann eine kleine Gruppe von Christen mit diesem Anliegen sich mit anderen Christen zusammentun, die auch dieses Anliegen haben. Oder mit einer Gruppe „nichtkirchlicher” Leute. Gemeinsam können sie – für ihre Aktionen, eine Spiritualität erkunden, die diesem Einsatz für Klimaschutz oder soziale Gerechtigkeit ein Fundament gibt. Und wenn euch misshandelte Frauen oder Obdachlose oder psychisch Kranke am Herzen liegen, dann schaut, wie ihr mit ihnen in Kontakt treten könnt, zeigt ihnen eure Liebe auf praktische Art und baut Beziehung mit ihnen. Teilt mit ihnen das Evangelium und helft ihnen, da wo sie sind, so wie sie sind, eine gottesdienstliche Gemeinschaft zu haben.

Was auch immer auf eurer missionalen Agenda stehen mag, egal ob soziale Gerechtigkeit, Seelsorge, Klimaschutz, die Arbeitswelt, Gemeindewachstum, Evangelisation – einerlei, Fresh Expression unterstützt das. Fresh Expression will ein Möglichmacher der „Mission Impossible“ sein. Das kostbarste Geschenk, das die Kirche hat, ist doch das gemeinsame Leben mit Jesus in der Mitte. Das ist doch das Herz der kirchlichen Identität. Wenn wir also unser gemeinsames Leben mit Jesus in der Mitte mit anderen teilen, dann teilen wir das Wertvollste, was wir haben – das Herzstück unserer eigenen Identität. Und wenn wir ein wertvolles Geschenk teilen, dann zeigen wir ja der anderen Person damit unsere Liebe.

Dieses Interview führte Ulrich Mang, Redaktionsmitglied der Zeitschrift 3E, für die 3E-Ausgabe 3/2020, die in Zusammenarbeit mit dem Fresh X-Deutschland-Netzwerk gestaltet wurde.

Ulrich Mang

Sozial-Missionarischer Referent beim Deutschen EC-Verband