“Pioniere brauchen Inspiration”

17. März

Kirche verwaltet sich nur noch selbst. Strukturen engen ein. Was Kirche braucht, um zu bestehen, sind Inspirationen, Wissen, Mut und Pioniere, die es machen, ist Dr. Thomas Schlegel, Kirchenrat in der EKM und Leiter der Projektgruppe "Erprobungsräume", überzeugt.

Thomas, du bist quasi sowas wie der Godfather of Pioniering.

Thomas Schlegel: (lacht). Vielleicht der Erprobungsräume in der Landeskirche.

Aber auch die sind ja ein Pionier-Projekt.

Ja, das schon, aber es liegt an verschiedenen Faktoren, die mit mir nichts zu tun haben. Ich war einfach zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Ich kam gerade frisch aus Amsterdam und habe die volle Dynamik und Energie aus Amsterdam übertragen (lacht). Ich hab die alle quasi infiziert mit der Idee.

Okay, ich merke, ein echter Pionier braucht auf jeden Fall Begeisterungsfähigkeit. Was noch?

Pioniere brauchen Inspiration. Inspiration kommt von Menschen, die selber sprühen und bei denen man merkt: Die wollen was. Da ist eine Energie, die sich überträgt. Das ist etwas, was man braucht, wenn man immer nur mit Verwaltungsmenschen umgeben ist; sonst kommt schnell eine Müdigkeit, Lethargie und Trägheit rein. Aber es braucht diesen Spirit, diese Inspiration. Das andere ist das Know-how, Wissen gehört unbedingt dazu.

Sind Erprobungsräume Inspiration und der Weg für die Kirche der Zukunft?

Ich glaube, es ist ein Versuch. Es ist der Versuch, ein anderes Geschäftsmodell von Kirche zu etablieren und die soziale und kommunikative Reichweite von Kirche zu erhöhen. Ich bin immer vorsichtig mit solchen absoluten Aussagen, wie: Das ist der einzige Weg. Gott kann noch viel mehr tun und überraschen. Insofern würde ich nicht sagen, dass es der einzige Weg ist, aber ich wünsche mir, dass es ein Weg ist, der uns zukunftsfähig macht.

Du bist Mitherausgeber des Buches „Erprobungsräume. Andere Gemeindeformen in der Landeskirche“. Darin schreibt ihr, dass es bei den Erprobungsräumen auf eine veränderte Haltung, weniger auf eine veränderte Form ankommt. Kann man mit anderer Haltung noch in denselben Formen leben, arbeiten und begeistern?

Ich glaube schon. Allerdings wird man auch da immer wieder an Grenzen stoßen und das eine oder andere lassen müssen, weil sich die Prioritäten anders setzen. Und dann braucht es einen gewissen Ungehorsam oder Freiraum. Das Charmante an den Erprobungsräumen sind die Freiräume. Dass man nicht an jenes Gesetz oder diese Strukturvorgaben gebunden ist, sondern wirklich Platz und Raum zum Ausprobieren hat.

Als Kirchenrat und Pionier der ersten Stunde kennt Thomas Schlegel beide Welten.

Würdest du sagen, dass die Strukturen, das Festhalten an alten Traditionen, vielleicht auch der fehlende Wagemut, das ist, womit ein „echter Pionier“ zu kämpfen hat? Oder gibt es da noch mehr?

Das Frustrierende ist, dass wir in unseren Kirchen ein hohes Partizipationsverständnis haben. Das ist ein hohes Gut, aber es verhindert auch Entscheidungen. Bei Entscheidungen, die für die Zukunft vorbereiten sollen, musst du auch unliebsame Entscheidungen treffen. Und das wird so eine Landeskirche nicht machen, weil sie immer auf Mehrheiten und Konsens aus ist. Es ist das das Paradis für Verhinderer, für Veto-Player und verhindert, dass Leute, die vorankommen wollen, keine Möglichkeit haben, sich durchzusetzen.

Wie siehst du die Zukunft der Erprobungsräume; gerade im Hinblick auf das veränderte Verfahren, statt fünf jetzt acht Jahre zu fördern, bei gleichzeitig geringerer finanzieller Unterstützung?

Ich hoffe, dass es mehr werden, die erproben. Gleichzeitig hoffe ich, dass es nicht unkontrolliert mehr werden, sondern dass die, die es gibt ein gutes Begleitsystem von uns bekommen können und dass sie Impact für die ganze Landeskirche haben. Es nützt ja nichts, wenn ganz viele Projekte irgendwo vor sich hin arbeiten. Wir versuchen sie untereinander zu vernetzen, weil dadurch auch ein Bewegungscharakter entstehen kann. Wenn jeder Pionier alleine vor Ort sitzt, kommt nicht die Dynamik zustande, die man braucht. Ich habe vorhin von der Inspiration gesprochen. Ich glaube, Inspiration ist eine der wenigen Ressourcen, die wir gegen dieses große Establishment und diese zähen, behäbigen Strukturen haben.

Ich habe gerade ein Paper von Bob und Mary Hopkins gelesen, die dich auch erwähnen. Es geht um das, was gebraucht wird, damit sich etwas verändern kann. Unter anderem sind das Leader, also Game-Changer, die selbst Unterstützung erfahren von ihrer Stabstelle oben drüber, die aber auch die ganzen Pionier:innen begleiten und unterstützen.  

Ja, das hab ich so schon mal in ähnlicher Form so aus dem Innovationsmanagement gehört: Wie ändern sich Organisation? Da betont man – zumindest in der Theorie – dieses subversive Element. Es funktioniert nicht, dass eine Synode sagt: Wir wollen Innovation und dann wird das durch Beschlüsse durchgesetzt, sondern indem man einer kleinen Einheit innerhalb der Organisation Macht und Ressourcen gibt, zum Beispiel Geld und Einfluss, und die dann machen lässt. Das ist durchaus hilfreich. Ich würde aber auch das strategische Vorgehen der Erprobungsräume nicht zu geringschätzen.

Okay, Strukturen nicht unterschätzen – in einem Interview hast du gesagt, dass dagegen Geld überschätzt ist. Es sei nett, wenn man eine Hauptamtlichen-Stelle hat, dass das Erprobungsräume aber gar nicht unbedingt brauchen. Das finde ich überraschend. Ich hätte gedacht, dass gerade viel an der Personalfrage und der Finanzierung hängt, da nachhaltige Innovation nicht allein von ehrenamtlichen Schultern getragen werden kann.

Ich glaube, dass Geld natürlich schon eine wichtige Ressource ist, die wir brauchen. Aber die Frage ist, zu welchem Zeitpunkt dieses Start-up-Prozesses braucht es eigentlich Geld? Ich vermute: Nicht so sehr oder gar nicht zu Beginn. Am Anfang brauchst du Inspiration, Begeisterung und natürlich die richtigen Personen, die meistens in einem Netz verbunden sind. Wenn kommunikative und gut vernetzte Typen etwas wollen, dann kommen die auch zu Geld. Deswegen sag ich: Geld ist nicht das erste Problem. Es fehlen die Ideen, es fehlen die Leute, die diese Ideen haben, es fehlt die Kreativität und vielleicht auch die Zeit, diese Ideen zu entwickeln.

Das Thema Geld zieht sich bei den Erprobungsräumen durch: Es ist gewollt, dass die sich nach den acht Jahren selbst finanzieren und nicht mehr über die Kirchensteuer mitfinanziert werden. Ist das nicht ungerecht, immerhin arbeiten die Leute weiter für die Kirche, zum Teil mit Menschen, die ja auch Kirchensteuern zahlen? Doch statt das zu den Erprobungsräumen oder Fresh X zurückfließen zu lassen, steckt man das Geld lieber in die Bewahrung der alten Strukturen.

Ja, das ist tatsächlich eine strukturelle Ungerechtigkeit. Auch der Rechtfertigungsdruck, der auf dem Neuen liegt, wohin das Geld gegangen ist, ist nicht ganz fair. Das bestehende System hat Bestandschutz und genießt auch die Selbstverständlichkeit, dass das Geld fließen kann. Auf der anderen Seite ruhen sich alle auch drauf aus, dass da ja noch Geld da ist. Es gibt nur wenige Initiativen, die sich weit aus ihrer finanziellen Komfortzone wagen. Wenige, die mit nichts, nur mit einer Idee und Leidenschaft anfangen. Es herrscht eine gesättigte Grundhaltung. Wir brauchen aber Leute mit Hunger, die mehr wollen. Energie und Dynamik kommt aus einem Mangel heraus, nicht aus einer Sattheit. Sattheit macht träge.

Ist das nicht ein grundsätzliches Anwendungsproblem? Es gibt genügend Ideen, die aber in den Strukturen oder für die einzelnen Ortsgemeinden nicht umsetzbar sind.

Wir können es auch auf den Punkt bringen: Wir brauchen nicht neue Ideen, wir brauchen nicht noch mehr Bücher. Wir brauchen den Mut, es einfach mal zu machen. Daran krankt es. Die strategische Entscheidungskraft fehlt in unseren Strukturen, weil wir keine Entscheidungen treffen. Wir haben kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsproblem. Mein Wunsch für die Erprobungsräume wäre, dass sie eine Dynamik erzeugen und ein Narrativ aufbauen, das Druck für die Entscheidungsträger erzeugt, in diese oder jene Richtung zu gehen. Nicht, dass die Erprobungsräume selber schon das Zukunftsmodell sind, sondern dass durch solche innovativen Formen die Entscheidungsträger der Volkskirche in einen inneren Zwang kommen, Entscheidungen herbeizuführen.

Erprobungsräume sollen also nicht die Lösung für die Kirche sein, sondern erst einmal nur Wegweiser, der Stein im Getriebe? Das ist ja eine andere Grundvoraussetzung für die Erprobungsräume.

Ja, genau. Der Stein im Getriebe, der das Ganze auch anhalten kann, der eine Kraft hat. Denn letztlich wollen Erprobungsräume keine Alternative zu Kirche aufbauen, sondern letztlich ist der Wunsch, unsere Kirche auch darüber zu inspirieren.

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk