Pizza und Abendmahl

09. September

Als junger Pastoralreferent[1] – also kurz nach der Jahrtausendwende – war ich auf meiner ersten Stelle für die Firmvorbereitung zuständig. Ein Klassiker. Schon damals war „diesen jungen Leuten“ nicht unbedingt klar, was Kirche mit ihrem Leben zu tun hat und in den Gottesdiensten unserer Pfarrei waren sie auch nicht zu treffen. Deshalb hatte ich sie eingeladen, zusammen mit mir die Vorabendmesse zu besuchen. Und damit sie diese Einladung auch annehmen, hab ich sie – um ehrlich zu sein – mit Pizza bestochen. Erst Messe, dann Pizza. So war unsere Vereinbarung.

Und ich hatte mit dieser Masche Erfolg: Wir sorgten tatsächlich an einigen Samstagabenden für Verwunderung in der Gottesdienstgemeinde, weil 30 jungen Menschen mit mir den Kirchraum betraten und wir uns in den hinteren Bankreihen niederließen. Anschließend belagerten wir den Keller im Pfarrheim, belegten Pizzableche, aßen, erzählten und hatten eine gute Zeit miteinander.

Damals kannte ich Michael Moynagh[2] noch nicht. Aber das, was ich rund 15 Jahren später von ihm hörte, ließ eine Ahnung oder vielmehr einige Fragen, die mich beim Pizzabacken beschlichen hatten, wieder in mir wach werden: War das, was ich den Jugendlichen da angeboten hatte, sinnvoll? War die Messe – mit Orgel, Kirchenbank und Predigt der Höhepunkt des Abends oder eher doch die Zeit im Anschluss? Hatte ich mit dem Besuch von 30 jungen Leuten nur drei sonst leerstehende Kirchenbänke gefüllt? Feierten wir den „eigentlichen“ Gottesdienst nicht erst am späteren Abend beim Pizzaessen? Michael Moynagh jedenfalls hätte die Reihenfolge sicher umgedreht: Erst die Menschen in den Blick nehmen (loving and serving), dann (so etwas wie) Gottesdienst feiern. Nicht „Service first“, sondern „serving first“. Der Dienst an den Bedürfnissen, den Nöten und Interessen der Menschen steht – sehr verkürzt gesagt – vor dem Feiern des Gottesdienstes. Oder genauer: Das, was wir Gottesdienst nennen, formt sich aus der Gemeinde, die sich in einem ihr eigenen Kontext gefunden und Gemeinschaft untereinander erfahren hat.

Natürlich ist die „Serving First Journey“ keine schlichte Routenbeschreibung oder eine Art Pastoralplanung, mit der Gemeindegründer:innen sicher zum Erfolg kommen. Sie ist ein Abenteuer, ein Wagnis. Sie verlangt Zeit und Ausdauer.

So gesehen hab ich an diesen Abenden mit den jugendlichen Firmlingen zweimal Abendmahl gefeiert: einmal als Eucharistie in der Kirche und noch einmal beim Pizzaessen. Natürlich: Diese Aussage würde sicher keiner dogmatischen Prüfung standhalten. Aber ich stelle diese These (auch gerade in meinem katholischen Kontext) gerne zur Verfügung: Wie wir unser Miteinander mit Gott feiern – welche Form(en) unsere Gottesdienste haben – hängt mit dem Menschen zusammen, die sich da um Jesus versammeln. Eine mission shaped church ist eben eine durch ihre Sendung geformte Kirche. Eine, die etwas mit dem Leben zu tun hat.


[1] Pastoralreferent:innen sind Theolog:innen, die in der katholische Kirche als Seelsorger:innen in Krankenhaus, Gefängnis, Schule, Pfarrei, … arbeiten.

[2] Michael Moynagh ist sicher das, was man „Urgestein“ der freshX-Bewegung bezeichnen kann. Eines seiner Bücher (Church for Every Context) ist ein freshX-Standarwerk.
-> https://freshexpressions.de/exportschlager-kirchenwachstum/

Felix Goldinger