Pudel und Pistazieneis

12. April

Ein Gottesdienstbesuch im Gemeindegründungsprojekt „Weiter Raum”

Marburg. Es ist Sommer. Ein großer weißer Pudel kommt schwanzwedelnd auf mich zugelaufen und stupst mich an. Offensichtlich erfreut, mich zu sehen, obwohl ich noch nie hier war. Auch die anwesenden Leute begrüßen mich und bitten mich in den sommerlichen Garten. Die Pudeldame Rhina begleitet mich an einen freien Platz an den Biertischen und bleibt neben mir auf dem Boden sitzen. Sie gehört zu den Therapiehunden im Gemeindegründungsprojekt „Weiter Raum Marburg“.

Neben mir sind etwa 20 Personen gekommen, drei Kinder, zwei Senioren, die anderen vom Alter her irgendwo dazwischen. In die Gespräche werde ich ganz selbstverständlich mit einbezogen. Alle stellen sich vor. Heute werde ein „grünes Abend-Festmahl“ gefeiert, erklärt jemand. Der erste Gang: ein großer Salat mit Blatt- und Feldsalat, Gurke, grüner Paprika und Kresse. Als Komplementärkontrast gibt es rote Paprika darin. Dazu Brot. Vor dem Essen werden die Einsetzungsworte zitiert. Während wir speisen, liest jemand zwei Texte vor: In einem geht es um einen Menschen, der sich aus der Obdachlosigkeit herausgearbeitet hat und Schriftsteller wurde, im anderen um einen Millionär, der sein Vermögen verschenkte, um einfach zu leben. Ein lebhaftes Gespräch entbrennt an diesen extremen Biografien. Zum zweiten Gang, Penne mit einer Basilikum-Honig-Soße, hören wir die Fortsetzung der Einsetzungsworte. Es gibt Grünen Veltliner oder Saft. Wir reden über Reichtum und Armut – und darüber, was Lebensqualität ausmacht. Das Dessert ist ebenfalls grün: Pistazieneis mit Kiwi­scheiben. Zum Abschluss spricht Gerrit Pithan, einer der Gründer, einen „Grünsegen“.

Nach dem Gottesdienst spreche ich noch mit Kathy Pithan, der Pastorin der Gemeinde, und ihrem Mann Gerrit, Theologe, Pädagoge und Künstler.

Sehen Gottesdienste und Abendmahlfeiern immer so aus – so ganz ohne Liturgie und Predigt?

Kathy: Es gab doch eine Predigt – das Gespräch, das wir miteinander geführt haben, war die Predigt.
Gerrit: Wir versuchen in unseren Veranstaltungen so weit wie möglich, Frontalprogramm zu vermeiden. Jeder kann etwas beitragen, und wenn es nur eine Frage ist. Fragen bringen uns sowieso weiter als vorformulierte Antworten.
Kathy: Bei unseren Abend-Festmahlen experimentieren wir gern. Heute haben wir uns an einer Farbe des Kirchenjahrs ausgerichtet. Wir haben es aber auch unter dem Gesichtspunkt der spirituellen und der essbaren Wurzeln gefeiert. Ein anderes Mal haben wir uns an den verschiedenen Sinnen des Körpers orientiert. Einmal haben wir über die letzten Dinge nachgedacht und im Kontrast dazu mit Antipasti gefeiert. Wir haben auch mal einen Text von Marcel Proust genommen und das Mahl mit Tee und Madeleines gefeiert.
Gerrit: Unser Anliegen ist es, das Abendmahl nicht als reduzierte Trauerfeier zu zelebrieren. Deshalb sprechen wir vom „Abend-Festmahl”. Wir möchten Gemeinschaft mitei­nander und mit Gott haben und wirklich festlich essen.
Kathy: Wir greifen daher auf Traditionen des frühen Christentums zurück und nicht auf die Traditionen der verschiedenen Konfessionen, aus denen wir stammen.

Wollt ihr die Kirchengeschichte zurückdrehen?

Gerrit: Auf keinen Fall! Die Kirchengeschichte mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Um- und Irrwegen ist auch unsere Geschichte. Wir achten diese Traditionen und schöpfen aus ihnen, aber wir kopieren sie nicht sklavisch.

Was hat euch 2015 angetrieben, „Weiter Raum Marburg“ zu starten?

Kathy: Wir haben beide bisher schon in verschiedenen Gemeinden gearbeitet, hauptamtlich und ehrenamtlich, und immer wieder zähen Widerstand gegen Erneuerungsprozesse erlebt. Als der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden Gründer für neue Gemeinden suchte, hat uns diese Idee sofort fasziniert.

Wie seid ihr vorgegangen?

Kathy: Wir haben uns mit Freunden zusammengetan und Tabula rasa gemacht. Wir haben davon geträumt, wie Kirche sein könnte, wenn man sie neu erfinden würde, wie eine Gemeinde sein müsste, in die wir selbst gerne gehen würden. Aus diesem Prozess ist Gerrits Gemeindepoetik erwachsen, die eben eine Poetik statt einer Dogmatik sein will.
Gerrit: Wir haben mit unserem Mitgründer Tobias Künkler einen soziologischen Blick auf die Stadt geworfen, um unsere Zielgruppe zu formulieren. Wir möchten die Menschen ansprechen, die aus der evangelikalen Enge ihrer Gemeinden herausgewachsen sind, die Glaubenskrisen durchlebt haben und mit Kirche gebrochen haben oder die wegen ihrer sexuellen Orientierung ausgegrenzt werden. Unser Ziel ist es, Menschen auf ihrem Weg zu selbstständigem Denken, Glauben und Leben zu begleiten.

Wie viele Leute sind mit euch verbunden? Was macht eure Treffen aus? Wie finanziert ihr euch? Ihr habt keine Mitgliedschaft, oder?

Kathy: Im Kernbereich sind wir etwa 24 Leute. Je nach Veranstaltungsformat, das wir anbieten, sind mal mehr, mal weniger dabei. Wir finanzieren uns hauptsächlich über Spenden, anfangs kamen noch Fördermittel des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden hinzu, weil wir ein offizielles Gründungsprojekt des Bundes sind. Man kann bei uns Mitglied werden, muss es aber nicht. Mitwirken und mitentscheiden kann jeder, der dabei ist.

Ihr sprecht von verschiedenen Veranstaltungsformaten. Was gibt es da?

Gerrit: Neben dem Abend-Festmahl gibt es Gottesdienste, die in einer Künstlerwerkstatt und dem dazu gehörenden Garten stattfinden. Die Gottesdienste sind hauptsächlich kommunikativ. Wir wollen den ganzen Menschen ansprechen und die Gottesdienste mit allen Sinnen für Leib, Seele und Geist erlebbar machen. Deshalb sind wir auch an den Künsten sehr interessiert, sie bereichern unseren Glauben. Für Menschen, die mehr über Theologie erfahren wollen, bieten wir das „Theologische Wohnzimmer“ an, wo man herzlich denken, reden, glauben und zweifeln kann. „UnterwegsZuhause“ ist eine Veranstaltung, bei der wir mit Jung und Alt und mit Hunden in der Natur unterwegs sind. Und etwa zweimal im Jahr gehen wir ins Kloster, um in der Stille Gott zu begegnen.

Hunde im Gottesdienst – das ist wirklich einzigartig. Was bedeutet „tiergestützt“ praktisch?

Kathy: Wie heute machen die Hunde den Begrüßungsdienst. Sie freuen sich über jeden, der kommt, und wollen ihn ins „Rudel“ integrieren. Indem sie als unsere Mitgeschöpfe in unseren Veranstaltungen anwesend sind, sind sie ein direkter Aspekt von Schöpfungstheologie. Es sind konkrete Wesen, die mit uns leben und auf uns angewiesen sind und nicht nur theoretisch jenseits der Kirchenmauer existieren. Im Kontakt mit dem Tier schaffen es manche Menschen besser, an ihre Gefühle heranzukommen, was bereichernd und heilsam sein kann.


Als ich gehe, bleibt Rhina unter dem Tisch liegen. Sie schläft. Im Begrüßen seien Hunde groß, sagt Kathy. Jemanden zu verabschieden verstünden sie jedoch nicht. Ich bin positiv irritiert über alles, was in diesem Gottesdienst fehlte und doch nicht fehlte. Ich bin erfüllt von den Begegnungen. Lange her, dass ich an einem Abendmahl innerlich so beteiligt war. Sicherlich war es nicht das letzte Mal, dass ich hier war.

Natalie Enns war vor ihrer Elternzeit Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk e.V. Sie lebt mit ihrem Mann und Sohn in Hannover.

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk