Simon Sinek: Auftrag der Kirche ist nicht, Kirchenbänke zu füllen

12. Mai

Die Kirche hat ihre Relevanz verloren, glaubt Erfolgsautor und Business-Berater Simon Sinek. Sie habe sich verzettelt in all den Anforderungen und Ansprüchen, die an sie gestellt werden und dabei vergessen, was ihr eigentlicher Auftrag ist.

Die Kirche macht es, nach Ansicht von Simon Sinek genauso, wie es viele Unternehmen tun: Sie erzählt den Menschen, was sie tut. Und sie beschreibt, wie sie es – auch im Vergleich zu säkularen Anbietern – tut.  Aber sie sagt nur selten – oder viel zu leise – warum sie es tut. Damit wendet Sinek sein Erfolgsprinzip des „Golden Circle“ auf die Kirche als ein Unternehmen an.

Start with Why

Seine These vom Golden Circle, die er 2009 in einem TED-Talk präsentierte (der meistgesehene TED-Talk auf der TEDx-Seite) geht davon aus, dass Unternehmen nur dann wirklich erfolgreich sind, wenn sie ihren Kunden nicht nur sagen, was genau sie verkaufen (welche Produkte oder welchen Service) oder wie sie es tun und wie sie sich von den anderen Unternehmen und Dienstleistern unterscheiden, sondern wenn sie sich dem Warum stellen. „Die Botschaft beginnt mit dem Warum, mit einem Ziel, einem Beweggrund oder einem Glauben, der nichts damit zu tun hat, was sie tut“, heißt es in dem Buch „Start with Why“ (auf Deutsch: „Frag immer erst: warum. Führungskräfte zum Erfolg inspirieren“, Redline Verlag), das Sinek dazu veröffentlichte. Warum macht die Kirche das, was sie tut? Und warum sollte das irgendjemanden interessieren?

Sinek geht davon aus, dass alle bekannten Leitungsfiguren, alle wichtigen Persönlichkeiten und alle über einen langen Zeitraum hinweg erfolgreichen Firmen nicht zwangsläufig über mehr Persönlichkeit, Intelligenz, Cleverness oder Marketingverständnis verfügen. Nein. Was sie in ihrem Erfolg vereint, ist ihre Fähigkeit, Menschen zu begeistern, zu inspirieren und an ihrer Vision teilhaben zu lassen.

Warum glaube ich?

Jesus lief auch nicht rum und erzählte den Menschen, was sie von nun an zu tun und zu lassen haben. Er erzählte nicht, wie er sich eine Kirche, einen Glauben vorstellte. Er berührte und bewegte die Menschen, indem er lebte, was sein Auftrag, was seine Vision, was seine Überzeugung war.

Analog bedeutet das für die Kirchen heute, dass es weniger darum geht, dass sie zeigen, wie toll sie sich diakonisch engagieren oder wie viele Kindergärten, Altenheime, Flüchtlingsinitiativen sie unterstützen. Auch die Anzahl, der Schutz und die Instandhaltung von Kirchengebäuden spielt keine Rolle. Ebenso interessiert es nur sehr wenig Menschen, inwiefern sich die Landeskirchen voneinander unterscheiden, wie genau sie den Gottesdienst feiern, die Jugendstunde ausrichten oder wie sie den Glauben an Jesus leben. Wie sie Glauben im Alltag verankern und vielleicht auch wie sie sich aufgrund ihres Glaubens an gesellschaftspolitischen Debatten positionieren. Das kommt erst im zweiten Schritt. Der Erste, der grundlegende und der alles entscheidende Schritt ist, zu sagen, zu zeigen und zu leben, warum man an Gott glaubt. Warum man Kirche sein will. Warum es Kirche vielleicht auch benötigt.

Warum braucht es die Kirche?

In einem Podcast mit dem Pastor und Leadership-Coach Carey Nieuwhof aus dem letzten Jahr sprach er darüber, dass seiner Meinung nach, der Auftrag der Kirche sei, den Menschen das Evangelium zu erzählen. Nicht, um die Kirchenbänke zu füllen.

The responsibility of a Church is not to get people in the pews. The responsibility of the Church ist to spread the gospel.

Simon Sinek

Die Kirche ist dazu da, den Menschen von der Liebe Gottes zu berichten. Und niemand hat gesagt, dass es nur einen Weg, nur eine Art, eine Uhrzeit und ein Gebäude gäbe, um das zu tun. Das sei auch ein Punkt, den man aus der Pandemie gelernt habe, erklärte Sinek weiter: Die Art und Weise, das Evangelium zu erzählen, könne, dürfe und müsse infrage gestellt werden, könne, dürfe und müsse flexibler gestaltet werden. Klar gibt es nach wie vor Menschen, für die es funktioniert, sonntagmorgens um zehn Uhr in einem bestimmten Raum, womöglich in einer bestimmten Bank zu sitzen und einem immer gleichbleibenden liturgischen Ablauf beizuwohnen. Aber es gibt eben viele Menschen, für die es nicht mehr funktioniert – und es werden immer mehr. Immer mehr Menschen, die sich nicht damit zufriedengeben wollen, dass es eben „schon immer“ so war. Immer mehr Menschen, die nicht länger verstehen, warum sie die Kirche überhaupt benötigen. Warum sie Jesus, den Glauben, in ihrem Leben nötig haben. Und warum sie das nur auf diese eine Art und Weise ausleben sollen.

Gelebte Kirche

Die Chance, aber auch die Herausforderung, vor der die Kirche (nicht erst seit der Pandemie) steht, ist, herauszufinden, warum sie heute noch relevant ist. Warum sie in diesem Dorf, in dieser Stadt, für diese Menschen wichtig ist und wie sie die gesellschaftlichen, technischen, medialen … Möglichkeiten nutzen kann, um diesen Menschen begegnen zu können.

Dabei geht es weniger um den Erhalt eines bestimmten Gebäudes. Oder um den Erhalt einer bestimmten Tradition. Sondern es geht um das tiefgreifende Verständnis, dass jeder, der für sich gefunden hat, warum er an Gott glaubt und das anderen weitergeben möchte, bereits Kirche ist. Als ein Tempel Gottes ist jeder Mensch, der anderen vom Glauben erzählt, bereits Kirche. Gelebte Kirche mitten im Alltag, mitten unter Menschen.

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk