Somewhere I belong

21. Juli

Ariane Martin von der Universität Mainz beschreibt sieben Dimensionen zeitgenössischer Spiritualität. Sie bilden u.a. die Matrix für den LUV-Workshop. Eine durchweg rationale Welt, in der nur zählt, was auch erklärt werden kann, wirke auf viele Menschen blutleer, kühl und schal. Deshalb sieht die Kulturanthropologin Spiritualität in einer säkular geprägten Gesellschaft nicht verschwinden, sondern im Aufbruch begriffen und nach neuen Ausdrucksformen suchend: „Es gibt sowohl jene, die aus verschiedenen Traditionen ihr spirituelles Eigenheim zusammenstellen, als auch die, die sich in den Weisheitskathedralen und mystischen Schatztruhen nach Konstanten umschauen.“ Die sieben Dimensionen nennt sie: Festigkeit, Gemeinschaft, Heilung, Reise zu sich selbst, Reise in die Weite, Verzauberung, Weltverhältnis.

Die tiefe Sehnsucht unserer Zeit nach einem Ankerplatz für die menschliche Seele, um sich in der Weite nicht gänzlich zu verlieren, haben Linkin Park prägnant in dem Song ‘Somewhere I belong’ ausgedrückt:

Ich möchte heilen, ich möchte fühlen,

so, als wäre ich etwas Wirklichem sehr nahe.

Ich möchte etwas finden, das ich schon so lange möchte:

Einen Ort, an den ich gehöre.

Die christlichen Kirchen gründen auf Jahrtausenden alten spirituellen Quellen, aber auf zeitgenössische Pilger wirken sie dennoch oft spirituell erschöpft. Sie glauben, in der Kirche keine ‘Expeditionsleiter’ mit spiritueller Ausstrahlung zu finden, dass sie nicht in der Lage wären, die Zugänge zu diesem Schatz zu eröffnen. Die Kirche und die Pilger – ja, sie finden nicht leicht zueinander. Zu sehr mag den Pilgern die Kirche als Bekenntnisgemeinschaft erscheinen, während sie sich selbst mit allen Suchenden als einig im Geist empfinden. So entwickelt sich das ‘believing without belonging’ (Glauben ohne Zugehörigkeit zur Kirche) langsam zur Normalität.

Die Kirchengemeinden bieten das Modell verbindlicher Gemeinschaft, der Menschen durch ihren Wohnort zugeordnet sind. Das Gemeindeleben besteht vielerorts aus Gruppenaktivitäten. Corona hat diesen stark zugesetzt. Heute entsteht Gemeinschaft immer mehr durch die Suche nach innerer Verbundenheit mit Weggefährten, denen wir hoffen, unterwegs auf unserer Lebensreise zu begegnen. Selbst den inneren Kompass zu finden, bspw. durch Meditation, hat eine deutlich größere Attraktivität als einer Institution anzugehören, die eine Richtung versucht vorzugeben. Also zentrieren statt orientieren; die eigene Mitte finden. Dann steigen die Chancen, mit sich selbst und mit der Natur in Einklang zu leben und einen Beitrag zu leisten, die Welt zu einer besseren zu machen.

Können Gemeinden zu Rastplätzen für die Seele werden, die Gelegenheitsbesuchern Wegzehrung für die nächste Etappe ihres Weges bereitstellen? Dazu gilt es wohl, die Ermöglichung religiöser Erfahrungen stärker zu gewichten und das Herz mehr anzusprechen als den Kopf. Ohne reflektierten Glauben geht es allerdings auch nicht. Kirchliche Akteurinnen und Akteure müssten zudem eine Empfehlung beherzigen, die Silbermond in ihrem Song ‘Krieger des Lichts’ so ausdrücken: „Lerne zu fesseln und zu befreien“. Ist das im Übrigen nicht genau das, was Menschen seit jeher an Jesus fasziniert?

Andreas Schlamm

Kirchen-Erneuerer und Ermöglicher