Sprengen Fresh X-Initiativen Milieugrenzen?

28. Januar

Milieus und Fresh X – Zwischen ästhetischer Modernisierung und missionaler Dekonstruktion

Die Sinus-Milieus fassen Menschen mit ähnlichen Werten und einer vergleichbaren sozialen Lage zu „Gruppen Gleichgesinnter“ zusammen. Die Sinus-Milieus verdeutlichen, was die verschiedenen Lebenswelten in unserer Gesellschaft bewegt (Werte, Lebensziele, Lifestyles) – und wie sie bewegt werden können (Mediennutzung, Kommunikationspräferenzen, Bildungsprogramme).

„Milieus“ sind eine Hilfskonstruktion. Sie zeichnen die Vielfalt der Gesellschaft nach. Diese Vereinfachung schafft Handlungsfähigkeiten.

Milieus – in der Mehrzahl – erzählen eine Geschichte des Sozialen, in der Worte wie Differenz, Dynamik und Unvereinbarkeit entscheidende Rollen spielen. Zwischen den sich gegeneinander abgrenzenden Grundorientierungen Tradition, Modernisierung und Neuorientierung gibt es Grenzen, die jede Verständigung schwermachen. Die einen erwarten klare Strukturen, die nächsten Diskussionen, die anderen schließlich, dass alles, was sie bewegt – so widersprüchlich das auch sein mag – gleichermaßen als wirklich wahrgenommen wird.

Diese tastende Beschreibung zeigt schon: nichts ist besser oder schlechter. Jedes Milieu hat so seinen eigenen Zugang zur und seine eigene Reaktion auf die – eigentlich von allen – erlebte Wirklichkeit. Die eigenen Haltungen der verschiedenen Milieus haben ihre besonderen Stärken und ihre speziellen blinden Flecken und inneren Widersprüche. Und treffen sich zwei aus besonders entfernten Milieus, kann man fast zweifeln, dass sie aus derselben Welt und Gesellschaft stammen. Gar nicht selten ekeln sie sich sogar ein bisschen vor der Welt der anderen.

Die Sinus-Milieus; Stand November 2021

Die Kirche und ihre Milieus

Milieus offenbaren aber auch die Schwäche der Kirche. Oder wenigstens die Schwäche unserer Bilder von Kirche. Denn da stauen sich Wörter wie Einheit, Versorgung, alle, Heimat, Lebensbegleitung.

Dass Kirche an Milieuverengung leidet, ist ein alter Hut. Aber Vorsicht! Unsere Mitglieder sind ein – fast – repräsentativer Querschnitt durch alle gesellschaftlichen Milieus. Aber das Look & Feel von Kirche und die erkennbaren Gruppen und Kreise und der Gottesdienst siedeln zu großen Teilen in den Lebensräumen traditionell oder konservativ geprägter Menschen und der sagenumwobenen bürgerlichen Mitte.

Gerade den Fresh Expressions, Erprobungsräumen und anderen neuen Aufbrüchen mit Pionier:innengeist wird ja nachgesagt, dass sie die Milieugrenzen von Kirche verschieben. Schaut man genau hin, ist das genauso richtig, wie es falsch ist. Den – wie immer im Leben – kommt es ganz drauf an.

In den letzten Jahren habe ich ein bisschen seichte Empirie betrieben und war überrascht: Die allermeisten, die kirchliche FreshX-Projekte verantworten, lassen sich den kirchlichen Kernmilieus zuordnen. Performer:innen, Expeditive und andere, der postmodernen Wertewelt zuzuordnende Menschen sind ausgesprochen selten. Das hat mich verwirrt – erst einmal.

Nichts bleibt, wie es ist

Drei Dinge sind bei näherem Hinsehen wichtig. Zum einen: die Milieus der Gesellschaft unterliegen selber der ständigen gesellschaftlichen Veränderungsdynamik. Im Oktober 2021 hat das SINUS-Institut gerade eine neue Milieu-Einteilung veröffentlicht, die ein „Ende der Bürgerlichen Mitte“ konstatiert. Zum anderen: Milieus – als „Gruppen Gleichgesinnter“ sind Gruppen geteilter Werte und Haltungen, aber können in ihrer Alltagsästhetik eine immense innere Spannweite aufweisen. Und schließlich: Milieuzugehörigkeit ist auch dynamisch im Leben der einzelnen. Meist durch biographische Brüche, die auch dazu führen (können), dass sich die persönlichen Leitwerte verändern, kann es zur Veränderung oder zu Sprüngen in der eigenen Milieuzughörigkeit kommen.

Mal diese Brille auf die kleine verwirrende FreshX-Empirie angewendet: Manchmal ist das, was in FreshX passiert eben kein Milieu-Sprung für Kirche, sondern die (manchmal notwendige) Anpassung der Alltagsästhetik, während das angesprochene Milieu recht stabil bleibt. Kommt im eigenen FreshX-Narrativ zentral vor, dass hier Kirche anders gelebt werde, als man sie kenne, ist das ein deutlicher Hinweis, dass diese FreshX eher eine ästhetisch-kommunikative Anpassung ist, aber (zunächst) keine Milieuerweiterung.

Grenzerweiterung und Milieuüberschreitung

Eine Milieuüberschreitung lässt sich nur erreichen durch eine konsequente missionale Dekonstruktion von Formen und Inhalten. Kern milieuerweiternder FreshX kann (und muss wahrscheinlich) genau das sein, sich mit dem Evangelium in eine fremde Wertewelt zu begeben und Erfahrungen damit zu machen, was entsteht und sich zeigt. Das führt zu Milieusprüngen. FreshX mit neuen Milieus braucht verstärkten Experimental-Charakter und das iterative Hören auf den Kontext. Und macht den Vergleich mit der Kirche, „wie wir sie kannten“, fast unmöglich. Das müssen wir aushalten können.

Eine spannende Reise – und wir stehen erst ganz am Anfang!  

Torsten Pappert

Pastor, Kulturmanager und Referent für Missionarische Dienste