Wie wird man eigentlich Fresh X-Pfarrer?

11. April

Das Fresh X-Deutschland Netzwerk stellt keine eigenen Pfarrer oder Projektleiter für Initiativen, Start-ups oder Erprobungsräume ein. Wer ernennt und finanziert dann also „Fresh X-Pfarrer“ und legt deren Aufgaben fest?

Im ostwestfälischen Bünde sitzt ein junger Pfarrer im Entsendungsdienst und grübelt über seine Zukunft. Er und seine Frau erwarten Zwillinge. Sollen sie da wirklich in einer anderen Stadt neu anfangen? Eigentlich hatten sie sich gerade entschieden, in Bünde zu bleiben, den Entsendungsdienst zu verlängern, die Landeskirche hatte das auch genehmigt, die Elternzeit war eingereicht und in der Kirche, in der er aktuell arbeitete, genoss er viele Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten.

Und trotzdem: Der junge Pfarrer, Markus Schäper, öffnet mal wieder das Portal mit den Stellenausschreibungen für Pfarrer in der nordrhein-westfälischen Landeskirche – und erblickt die Stelle.

„Da hatte sich schon mal jemand die Mühe gemacht und Farbe und ein anständiges Design benutzt. Und die Kombination der Stelle, 50 % Gemeindepfarrstelle und 50 % Fresh X-Stelle war sehr gut dargestellt. Das waren nicht nur Allgemeinsätze, sondern es kam gut raus, was der Gemeinde wichtig ist und wie sie arbeiten“, erinnert sich Markus Schäper. Er zeigt die Anzeige seiner Frau und spricht auch mit Kollegen darüber. Alle sind sich einig, das ist eine der attraktivsten Ausschreibungen der letzten Jahre. Und es ist letztendlich auch seine Frau, die ihn ermuntert, sich auf diese Stelle zu bewerben.

Angestellt und finanziert durch den Kirchenkreis

Im ersten Bewerbungsgespräch zeigt sich Markus Schäper dennoch verhalten. „Ich bin hin und habe direkt gesagt: Ich weiß, ihr sucht jemanden für in zwei Monaten, aber ich bekomme bald Zwillinge und hab mich nur beworben, weil ich die Stelle so geil finde. Meine Grundbedingung wäre, dass ich erstmal fünf Monate Elternzeit nehmen kann. Das war schon krass. Das Gespräch war trotzdem total offen und sie haben sich am Ende auch auf alles eingelassen, obwohl ich nicht der einzige Bewerber war. Das rechne ich den Beteiligten hoch an.“ Mehrere Monate lang wird der Posten also für Markus Schäper freigehalten, bevor er im November 2020 seinen Dienst antritt.

Angestellt ist er mit einer halben Stelle als Gemeindepfarrer in der evangelischen Versöhnungskirchengemeinde in Iserlohn, einer Kleinstadt am Rande des Sauerlands. Die andere Hälfte der Stelle, die sogenannte Fresh X-Stelle teilen sich drei Innenstadtgemeinden: Die Versöhnungs-Kirche, die Erlöser-Kirche und die Johannes-Kirche. Finanziert wird das Ganze nicht über die einzelnen Gemeinden, sondern über den Kirchenkreis; eine Besonderheit in Iserlohn. Dort gehen die Gelder, die durch Vakanzen gespart werden, an den Kirchenkreis, der das Geld entweder anlegt oder anderweitig sinnvoll einsetzt. Allerdings müssen oder dürfen sich jetzt auch die drei genannten Gemeinden über den Arbeitseinsatz von Markus Schäper verständigen. Was genau sollen seine Aufgaben und Ziele als Fresh X-Pfarrer in Iserlohn sein?

Markus Schäper ist gespannt, welche Türen Gott noch öffnen wird. (Bild: privat)

Alles kann, nichts muss

Bislang ist nicht viel passiert. Corona hat auch hier Pläne zunichte gemacht. Aber erste Gespräche mit allen Beteiligten helfen Markus dabei vorzufühlen, wie die Vorstellungen und Wünsche in Bezug auf seine Fresh X-Arbeit sind. „Das ist auf der einen Seite auch total cool. Es gibt nichts und es besteht die totale Freiheit, weil es auch gar keinen definierten Zielkorridor gibt. Wenn man sagt, alles geht und alles ist das Ziel, und gleichzeitig noch die besondere Konstellation durch die drei Gemeinden herrscht, ist das auf der anderen Seite auch etwas angsteinflößend, weil man ja auch erst einmal abklopfen muss, was die anderen denken. Und es hat sich gezeigt, dass alle unterschiedliche Vorstellungen haben, was Fresh X ist und was ich machen soll. Das wird noch spannend.“

Und dann gibts ja auch noch die ganz eigene Grundhaltung von Markus. In seinem Erwachsenenbildungsvortrag, den er im Rahmen des Bewerbungsprozesses neben einer Probepredigt halten musste, hat er ausgeführt, was Fresh X ist, wie sich die Bewegung definiert, woher sie kommt und wie das deutsche Netzwerk arbeitet. Er gibt auch zu: „Konkrete Erwartungen, was meine Arbeit angeht, hab ich nicht und versuche ich auch mit Absicht nicht zu haben. In meinem Vortrag habe ich versucht, den Gemeinden von der Theorie klarzumachen, was Fresh X ist und was nicht. Inklusive: Wenn es gut läuft, profitiert die Gemeinde gar nicht so gut davon, weil das Ziel nicht ist, die Leute in die Gemeinden zu schicken, sondern mit ihnen Kirche und Gemeinschaft da zu bauen, wo sie sind und wo man zu ihnen hingeht. Und dieses Hören auf die Leute muss man ernstnehmen. Ich könnte mir natürlich sofort drei Sachen ausdenken, auf die ich schon immer Bock hatte, weil das meine Interessen sind. Und kann sein, dass es das am Ende auch wird, wenn das des Herrn Plan ist. Aber das ist normalerweise nicht der Weg, wie man zu einer Fresh X kommt.“ Ganz ohne Erwartungen seinerseits gehts dann aber doch nicht:

Ich erwarte und hoffe, dass es stimmt, dass Gott einen Plan mit dieser Stelle und mit den Menschen hier hat; und in diesem Puzzle hoffentlich auch mit mir.

Ein Ort zum Austausch

Und wenn Corona es irgendwann zulässt, wird man Markus Schäper vielleicht in einer der wenigen Kneipen in Iserlohn antreffen. „Ich könnte mir gut vorstellen, am Anfang einen festen Abend in einer Kneipe zu verbringen, den man auch kommuniziert und sagt: Da sitzt n Pfarrer in der Kneipe, dem kannst du ein Bier ausgeben oder dir von ihm ein Bier ausgeben lassen, ihm erzählen, was du schon immer an Kirche total kacke fandest oder auch einfach nur versuchen, ihn unter den Tisch zu saufen. Ich hab das selbst während meines Studiums schon oft erlebt. Da trifft man die Leute, die eigentlich keinen Bock auf Kirche haben und die du normalerweise auch nicht sonntagmorgens triffst, wenn du sie Samstagabend in der Kneipe gesehen hast. Und das ist genau die Chance, die man mit Fresh X hat, dass man Dinge macht, die die Leute eigentlich nicht mehr von Kirche erwarten.“

Neben dem Überraschungsmoment an Kirche ist Markus Schäper am Fresh X-Spirit besonders wichtig, dass man keine „Komm-Struktur“ mehr hat, sondern „dass man wirklich irgendwo hingeht, um dort zu den Konditionen der Menschen – was auch immer das dann ist – Gemeinschaft aufbaut und unter diesen Bedingungen, mit den Leuten vor Ort, eine neue Form von Kirche entwickelt.“ Dass das unter Umständen nicht ganz leicht werden kann, weil für manch einen ja schon eine veränderte Liturgie am Sonntagmorgen „fresh“ wirkt, weiß auch Markus. Helfen würde ihm bei der Arbeit vor allem mehr Transparenz und Unterstützung seitens des Netzwerks: Ein Ort, an dem man sich mit anderen Initiativen, Pfarrern, Projekten und Erprobungsräumen austauschen, von deren Fehlern man lernen und deren Erfolg man miteinander feiern kann. Ein Raum mit Ansprechpartnern und Rat, mit Austausch und Anregung – „aber wir brauchen nicht noch ein kirchliches Gremium, das Thesenpapiere schreibt“.

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk