Die perfekte Welle

06. Juli

Esther Göbel leitet Surfexerzitien und hat vom Surfen eine Menge fürs Leben (und für Fresh X) gelernt. Diesen Sommer schreibt sie hier übers Surfen und Glauben.

2017 habe ich ein „Sabrettical“ gemacht, eine Surf-Auszeit vom Seelsorge-Job. Ich hatte Sehnsucht nach wildem Surferleben. Ich wusste zwar weder im Vorfeld so genau, was ich mir darunter vorstellen sollte, noch würde ich im Nachhinein sagen, dass es besonders wild zuging. Aber es war definitiv die Erfüllung einer großen Sehnsucht.

Zwischen Faszination und Furcht

Auf meiner Lieblingsinsel gibt es eine Lagune, in der man weitgehend noch stehen kann. Der Wind weht seitlich auflandig, sodass man im Zweifel immer an den Strand zurückgetrieben wird. Es ist sehr sicher und im Sommer angenehm warm, fast wie in einer riesigen Badewanne. Meerwärts ist die Lagune durch ein Riff begrenzt. Bei starkem Wind toben dort die Profis in den Wellen und ich stehe staunend am Strand. Zwischen unbedingter Faszination und lähmender Furcht. Ich habe lange davon geträumt, auch dort zu surfen, mich aber nie ins offene Meer getraut.
Nach einiger Zeit, als der Wind mal nicht ganz so heftig blies, aber durchaus kleine Wellenberge aufwehte, hatte ich plötzlich ein Gefühl von innerer Sicherheit und Zuversicht: „Jetzt fahre ich raus.“ Es fühlte sich irgendwie stimmig an: Die Bedingungen und meine persönliche Konstitution passten zusammen. Der Kairos war da! Jetzt musste ich nur noch „den Schopf packen“ und es wagen.

Ein magischer Moment

Und was soll ich sagen: Es war ein fantastisches, erhebendes Gefühl, von den Wellen in die Höhe gehoben zu werden und wieder ins Tal zu rutschen. This was: „Where the magic happens.“
Mit diesem ersten Ausflug ins offene Meer habe ich meinen Spielraum enorm erweitert. Aber es ging erst, als meine Sehnsucht auf den richtigen Moment und Mut traf. Selbst mit der stärksten Sehnsucht und dem größten Mut hätte der perfekte Moment, die perfekte Welle noch gefehlt. Aber in diesem Augenblick kam einfach alles zusammen.

Fragen

Wonach sehnst du dich?

Wie mutig bist du?

Würdest du den Kairos erkennen, wenn er sich zeigt?

Was hindert dich, dich deiner Leidenschaft zu stellen?

Esther Goebel