Ein Kirchenbesuch in Funcity

22. November

Auch in der virtuellen Welt sind Christen mit missionarischen Angeboten vertreten: Seelsorge, Gebete, Bibellese und sogar Gottesdienste gibt es online, seit es das Internet gibt. Ein Besuch in einer der ältesten Onlinekirchen.

„Vater Unser im Himmel.“ – „Vater Unser im Himmel.“ – „Vater Unser im Himmel.“ – „Vater Unser im Himmel.“ Zeilenweise und nacheinander beten die Teilnehmenden mittwochabends im Chat der Onlinekirche St. Bonifatius das Vaterunser. In der virtuellen Kirche treffen sich regelmäßig bis zu 20 Personen, um über Glaubens- und Lebensthemen zu sprechen. Mit dabei: Pastor Karl-Martin Voget. Er engagiert sich ehrenamtlich im Kirchenteam.

Retro trumpft

St. Bonifatius steht in Funcity. Der niedersächsische Radiosender ffn gründete die Onlinecommunity 1997. In den Hochzeiten waren zwischen 150.000 und 250.000 Nutzerinnen und Nutzer aktiv. Doch der Betrieb lohnte sich wirtschaftlich nicht, und so wechselte die Webseite regelmäßig den Besitzer. 2022 übernimmt ein junger Mann aus der Finanzbranche die virtuelle Stadt, um ihr und besonders auch der Kirche in dieser Stadt eine Zukunft zu geben. Aktuell sind es nach Angaben des Betreibers knapp 10.000 Nutzerinnen und Nutzer, die sich mit einer eigenen „Wohnung“ in der virtuellen Stadt registriert haben. Zusätzlich besuchen pro Monat 20.000 bis 30.000 Besucherinnen und Besucher die Startseite von Funcity.

Funcity bietet seinen Bewohnerinnen und Bewohnern eine Partymeile, eine Börse, eine Bank, Wohnungen, Ärzte, ein Stadion, ein Casino, einen Laden zum Versenden virtueller Blumengrüße – und eben die Kirche St. Bonifatius. Alles in 2D-Optik. Retro. „Funcity ist ein bisschen dinosauriermäßig und aus der Zeit gefallen. Aber für viele Ältere könnte es genau das Richtige sein“, meint Voget. Mehr und mehr sollen jedoch auch andere Kanäle einbezogen werden. Es gibt inzwischen Livestreams und interaktive Spiele, die auch zum Teil auf dem YouTube-Kanal der StudioOne Entertainment Group zu finden sind.

Kirche in Funcity ausdrücklich erwünscht

Dass es überhaupt eine Kirche in Funcity gibt, geht auf die Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer in der Anfangsphase des Projekts zurück. Der damalige Betreiber machte den Verantwortlichen im Bistum Hildesheim die Idee der Online-Seelsorge schmackhaft, und so weihte der damalige Weihbischof Hans-Georg Koitz im April 1998 St. Bonifatius offiziell ein – mit Liveübertragung im Radio.

Es beginnt mit einem wöchentlichen Chat. 2008 kommt ein Kloster dazu. 2013 arbeiten dann schon 30 Seelsorgerinnen und Seelsorger aus drei Diözesen und verschiedenen Ordensgemeinschaften in der Onlinekirche. Die Evangelische Kirche will – mit Verspätung – auch eine Kirche in Funcity eröffnen, erzählt Voget. „Aber die User sagen: Eine christliche Kirche reicht uns hier.“ Seitdem wird St. Bonifatius ökumenisch geführt. Die katholische Kirche beendet ihre Betreuung 2018 und übergibt die Kirche in die Hände der Ehrenamtlichen.

Erst analoger, dann digitaler Pfarrer

Voget hört bereits Ende der 90er-Jahre von Funcity und der Onlinekirche und ist direkt interessiert. Er schaut sich alles an. Da er als Pfarrer in seiner Gemeinde jedoch genug zu tun hat, entscheidet er sich gegen eine Mitarbeit. Eine Wohnung in Funcity bezieht Voget trotzdem. Nach Jahren der Inaktivität bekommt er plötzlich eine Mail: „Du wurdest ins Gemeindehaus umgezogen.“ Was ist passiert?

Melanie, ehrenamtliche Leiterin der Onlinekirche, hatte Voget versehentlich umquartiert. Mehrere Mails gehen hin und her, Voget schaut im Kirchenchat vorbei und entscheidet sich einzusteigen. „Ich hatte noch ein halbes Jahr bis zum Ruhestand und das war ein Zeichen von oben für mich“, sagt er. Neben ihm und Melanie sind noch zwei Ordensschwestern Teil des Kirchenteams. „Wir betreiben den Kirchenchat schon als Christen, aber nicht in erster Linie als missionarisches Angebot“, erklärt Voget.

Vielzählige Angebote der lebendigen Internetkirche

Voget hat schon viele persönliche Gespräche mit Nutzerinnen und Nutzern aus Funcity geführt. Hin und wieder sterben auch Mitglieder. In der Community kommt deshalb die Frage nach virtuellen Gedenkfeiern auf. Zwei solche Feiern hat Voget durchgeführt. Zum Teil wurden auch Angehörige eingeladen.

Das Angebot der Kirche wächst. In der Adventszeit 2021 finden samstags Adventsandachten statt. Im Anschluss daran wird Voget gebeten, auch Bibelstunde anzubieten. „Das ist mir im echten Leben noch nicht passiert.“ In der Passionszeit finden sich so jeden Dienstag um 20 Uhr zwischen fünf und zehn Personen im Kirchenchat ein. Eine Stunde lang diskutieren sie über einen Bibeltext. Nach Pfingsten hört Voget mit den Bibelstunden auf. Vorübergehend, denn es gibt viele positive Rückmeldungen. „Die Leute haben mir gesagt: ‚Du fängst aber irgendwann wieder damit an, oder?’“ Seit Oktober 2022 gibt es neben dem wöchentlichen Kirchenchat an jedem Dienstagabend im Wechsel Gottesdienst und Bibelstunde sowie zweimal im Monat einen Seelsorgevormittag mit einer der Ordensschwestern.

Wie zu Beginn des Kirchenchats läuten auch zum Schluss die Glocken – natürlich virtuell – und alle beten vor dem Segen erneut zeilenweise nacheinander das Vaterunser: „Vater unser im Himmel“ – „Vater unser im Himmel“ – „Vater unser im Himmel“ – „Vater unser im Himmel“. „Geheiligt werde dein Name“ – „Geheiligt werde dein Name“ – „Geheiligt werde dein Name“ – „Geheiligt werde dein Name“. „Dein Reich komme“ – „Dein Reich komme“ – „Dein Reich komme“ – „Dein Reich komme“ …


Das Kirchenteam der Onlinekirche St. Bonifatius sucht weitere ehrenamtliche Mitarbeitende. Bei Interesse oder Fragen kann man sich an bewerbung@funcity-kirche.de wenden.

Pascal Alius