Macht Kirchenbänke zu Küchenbänken!

02. Mai

Bei Jesus selbst, aber auch in den Zusammenkünften der ersten Christinnen und Christen in den Häusern spielte das gemeinschaftliche Essen eine große Rolle. Heute steht in jeder Kirche ein Altar. Er erinnert an die Tafel, an der Jesus am Abend vor seiner Kreuzigung zum letzten Mal mit seinen Jüngern gemeinsam aß und das Abendmahl stiftete. Die Wurzeln unseres Glaubens liegen in der Tischgemeinschaft: Miteinander essen, erzählen, Zeit miteinander verbringen, genießen. Davon müsste in unseren Gottesdiensten heute wieder etwas erlebbar sein!

Küche statt Kanzel

Stattdessen hat sich das Gewicht eindeutig vom Altar zur Kanzel hin verschoben – mit gravierenden Folgen. Denn die Predigt von vorne und oft sogar von oben wurde wichtiger als der Austausch auf Augenhöhe. Teilten die ersten Christinnen und Christen miteinander ihre Geschichten und Erfahrungen, ihren Glauben und ihre Zweifel, wurden spätere Generationen zu Zuhörer:innen. Unsere Gottesdienste wirken oft wie eine Lehrveranstaltung. Sie könnten zu einer sinnlichen Erfahrung werden, die mich emotional berührt und verwandelt, indem wir Kirchenbänke zu Küchenbänken machen! Damit Menschen unseren Herzschlag und unsere Liebe spüren und darin exemplarisch der Leidenschaft des unsichtbaren Gottes begegnen. Viele sehnen sich insgeheim danach, selbst davon entzündet werden.

Himmlisches Teilen

Vor einigen Jahren startete ich gemeinsam mit Sven Lager das Sharehaus. Das Motto: Teilen macht reich. Er hatte die Idee aus Südafrika mitgebracht. Er verbrachte viel Zeit dort. Wenn die Temperaturen es zuließen, stand die Tür immer offen. Passanten schauten neugierig rein. Man konnte einfach vorbeikommen. Ich finde diese Haltung des „Ich bin da. Schau einfach rein“ im wahrsten Sinne des Wortes göttlich. Sven verstand das Sharehaus als „Werkstatt für himmlische Gesellschaft“. Nichts Fertiges, sondern im Fluss. Keine Gemeinde, sondern ein Open Space für jeden. Zum Mitgestalten. Ein Co-Working-Space. Küchenbank statt Kirchenbank.

BeTEILigung und BeGEISTerung

Das Angebot im Sharehaus entwickelte sich mit den Menschen und ihren Begabungen. Wenn Leute fragten: Was kann man hier machen?, entgegnete Sven: Was willst du hier machen? Sven war ein Meister darin, eine Community aus verschiedenen Menschen entstehen zu lassen, Menschen zu beteiligen und ihre Ideen zu unterstützen. Herzstück der Arbeit waren die sogenannten Long Tables an einem Abend der Woche. Auf einer Schiefertafel draußen am Gebäude stand: “Abendmahl für alle! Wir stellen Brot und Butter. Ihr bringt den Rest.” Leute kamen, Bekannte wie Unbekannte, Nachbarn, Geflüchtete, Künstler, und bildeten Woche für Woche eine Zufallsgemeinschaft, die miteinander ins Gespräch kam. Sven baute eine lange Tafel auf, im Sommer auf dem Bürgersteig vor dem Haus. Zu Beginn hielt er eine kurze Dinner-Speech, in der er kurz und prägnant einige Gedanken teilte, die häufig in den Tischgesprächen aufgenommen wurden. Er schuf einen heiligen Raum und eine situative Form von Gemeinde. Eine Pop-Up-Church, wenn man so will, ohne dass das irgendwo so stand. Das Sharehaus war verschmolzen mit dem Kontext; ein gelungener Ausdruck inkarnatorischer Theologie.

Andreas Schlamm

Kirchen-Erneuerer und Ermöglicher