Das ist mir zu gemütlich

31. August

Es kann so gemütlich sein, wenn man ganz genau weiß, was es zu tun gibt.

Wenn gerade keine Pandemie die Welt in Ausnahmezustand bringt, dann ist das Gemeindefest immer am selben Wochenende, jede Woche gibt es Taufen, Beerdigungen und Trauungen, sonntags ist Gottesdienst und die restliche Woche folgt eigentlich einem Stundenplan. Das kann ohne Frage anstrengend und kräftezehrend sein. Doch genauso sehr ist es auch planbar.

Dank Territorial-Prinzip und Zugriff auf das Meldewesen, lässt sich statistisch errechnen wie viele Taufen und Beerdigungen einen die nächsten Jahre erwarten.

Es ist gemütlich, weil es keine großen plötzlichen Überraschungen bereithält. Denn auch die Leute, die man die Woche über trifft, sind zumeist die Gleichen. Das mag gefallen, vor allem, wenn man sich gut versteht. Gemeinde darf ja auch Gemeinschaft sein. Also versteh mich nicht falsch, wenn ich jetzt folgendes schreibe:

Wir haben es uns zu gemütlich gemacht!

Ich meine nicht, dass es keinen Stress gibt, keine Heraus- und Überforderungen, aber eben in einem bereits definierten, planbaren Rahmen. Definiert durch die Grenzen der Parochie oder Pfarrei.

Dabei bedeutet Parochie „in die Freude gehen“, getragen von dem urchristlichen Verständnis, dass man als Christ in der Welt fremd ist. Und es gibt so einige Haltungen, die sich ändern, wenn man nicht in der Heimat ist: das Staunen, über Dinge, die man sieht, das Entdecken von Kleinigkeiten, die man zu Hause oft übersieht und das Lernen und Respektieren von Regeln des Ortes, statt eigene durchzusetzen. In der Fremde zu sein bedeutet Gast:in zu sein, immer wieder neue Gesichter zu sehen und mit allen Sinnen durch Neues herausgefordert zu sein.

All das schreibe ich nicht aus Saudade, also Melancholie, sondern aus der tiefen Überzeugung, dass das Wachstumspotenzial von Kirche nicht binnenkirchlich ist. Niemand wächst in seiner Komfortzone, sondern nur durch das Finden und Verschieben der eigenen Grenzen. Es klingt paradox, die Sicherheit aufzugeben, um am Ende stabiler zu stehen, aber nichts anderes sagt Jesus, wenn er vom Senfkorn sprach.

Deswegen pack deine sieben Sachen, lass die Dinge zurück, die schon in der Vergangenheit Ballast waren und mach dich auf ins Fremde. Und keine Angst: An die Ränder von Kirche zu gehen, ist oft kein langer Weg.

Tobias Sauer

Katholischer Theologe, Designer, Referent, Kommunikationsberater und Initiator von ruach.jetzt