gott.voll joggen

06. Oktober

Ob überhaupt jemand kommen wird? Möchte ich überhaupt hingehen? Draußen vor meinem Fenster regnet es unaufhörlich, kein optimales Wetter für einen Feierabendlauf, wie wir ihn geplant haben.

Zum zweiten Mal soll der „Gottesdienst in Bewegung“ stattfinden. Joggend wollen wir Gott begegnen, ihm entgegenlaufen, in der Natur herausgefordert werden, spirituell wie auch körperlich. Ein Gottesdienst für Körper, Geist und Seele.

Beim letzten Mal haben wir an markanten Punkten des Weges Halt gemacht und in kurzen Impulsen darauf Bezug genommen, welche Bedeutung das Erklimmen des Hügels, das ‚hinter-sich-Lassen‘ des Autobahnlärms oder die Weite der Felder für unseren Alltag, unser Leben, haben kann.

Diesmal wollen wir mithilfe der gott.voll-Karten voll mit Gottes Blick für diese Welt werden, voll mit seiner Gnade, voll mit seiner Kraft, wenn uns die Kraft nach sieben Kilometern ausgeht.

Ob überhaupt jemand kommen wird? Möchte ich überhaupt hingehen? Es ist ein Freitagabend im September, kurz nach sechs Uhr. Ich muss. Ich habe den Feierabendlauf mit vorbereitet; jetzt nicht hinzugehen, ist keine Option. Und irgendwie will ich ja auch. Ich will mich raus aus meiner Komfortzone wagen, raus aus dem warmen Wohnzimmer, hinein in das Grau des Alltags, des Herbstes, des Lebens zuweilen. Will in all der Tristesse Gott begegnen, mich an dem laben, was er zu geben hat und gestärkt und geschwächt zugleich wieder nach Hause gehen.

Und so mache ich mich auf. Zum Friedhof. Zum Kreuz der Hoffnung. Mit der Hoffnung im Herzen, dass es ein guter Lauf, ein guter Gottesdienst, wird. Dass es egal ist, wie viele kommen oder nicht. Dass es egal ist, dass es regnet oder nieselt. Um kurz vor sieben haben sich außer dem Pfarrer und mir noch zwei weitere Läufer eingefunden. Hinterher erfahren wir, dass andere auch wollten, es aber im Alltagstrubel vergessen hatten (es ist eben nicht die bekannte Sonntagsmorgens-zehn-Uhr-Zeit) oder wegen des Wetters den Kampf gegen den inneren Schweinehund verloren haben. (Wer hätte gedacht, dass kalte, harte Kirchenbänke mal attraktiver erscheinen.)

Uns ist das egal. „Wo zwei oder drei versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, hat Gott versprochen; daran halten wir fest. Wir sind versammelt, zu viert, am Kreuz der Hoffnung, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Wir haben gott.voll-Karten dabei. Jede:r zieht eine, soll die darauf stehende Frage oder Aufgabe während des Laufs in seinem Kopf und Herzen bewegen. Ausschau halten, ob er:sie Gott unterwegs entdeckt. Insgesamt dreimal machen wir unterwegs Halt, tauschen uns aus über das, was wir auf der Strecke gedacht, gesehen und gefühlt haben und bringen das mit vorab ausgewählten Bibelversen in Verbindung.

Man steigt niemals zweimal in denselben Fluss, man blickt niemals zweimal hintereinander in exakt denselben Himmel. Gott aber ist derselbe; gestern, heute, morgen und in Ewigkeit.

Wo wäre Jesus in unserem Städtchen? Am imposanten Dom mit dem wunderschönen Glockenspiel? Oder nicht vielleicht doch eher auf der Treppe eines Innenstadtplatzes, an dem sich viele Menschen am Rande der Gesellschaft treffen? Würde Jesus in den Gottesdienst gehen oder in Mannis Sport-Eck? Und wo wären wir eigentlich lieber?

Wir sind unterwegs. Als Menschen, als Gemeinschaft, als Glaubende. Wir laufen und lachen. Wir schwitzen und seufzen. Wir fluchen und feiern. Wir ermutigen uns und erheben Gott.

Nach sieben Kilometern kommen wir wieder zurück. Zurück zum Friedhof. Zurück zum Kreuz der Hoffnung. Das Leben ist ein Kreislauf. Wir empfangen Segen und stoßen miteinander an (schließlich gehört zu einem echten Feierabendlauf auch ein Feierabendbier): auf den Weg, die Gemeinschaft, auf Gott.

Das machen wir wieder. Egal, wie viele kommen. Wir gehen.

Hin zur Stadt, hin zu den Menschen, hin zu den Orten, an denen Jesus sich aufhält.

Und kommen irgendwann an: bei uns, bei Gott, im Glauben.

Hella Thorn

Online- und Social-Media-Redakteurin beim Fresh X-Netzwerk